So schrieb die Presse über einige von Patrik Ringborgs Konzerten:
2. Sonntagskonzert (Neujahrskonzert), Staatsorchester Kassel, Staatstheater Kassel am und 01. und 08.01.2012
Im klingenden Reich der Glücksgöttin Fortuna
Imposanter Auftritt
Auch beim Neujahrskonzert des Staatstheaters im ausverkauften Opernhaus verfehlen die berühmte Anrufung der Glücksgöttin und die anderen Kraftstellen nicht ihre Wirkung. Doch gibt es auch weitere Valeurs: zarte, geheimnisvolle, groteske. In Abkehr vom romantischen Orchesterklang ist Orffs Partitur von kunstvoller Einfachheit. Generalmusikdirektor Patrik Ringborg und das mit viel Schlagzeug aufgestockte Staatsorchester loten hellhörig die ökonomisch gesetzten Klänge aus. Und der Dirigent genießt es mit tänzelndem Schwung, wenn die Musik unversehens einen süffigen Charme bekommt.
Ebenso differenziert singt der Opern- und Extrachor des Staatstheaters - ein imposanter Auftritt, auch wenn die Frauenstimmen in "Floret silva nobilis" nicht gerade leicht vibrieren. Bariton Stefan Adam tritt mit vollem Einsatz an, fast ungeschützt ausdrucksvoll und setzt im zweiten Teil "In Taberna" einen prallen Akzent als Abt von Kukanien, der einen Konvent mit seinen Saufbrüdern hält. Einen grotesken Effekt liefert das hohe Fagott im Lied des gebratenen Schwans, für das der Tenor János Ocsovai einen charakteristischen Ton findet. Im dritten Teil "Cour d'amours" glänzen der souveräne Kinderchor Cantamus und die mit inniger Leichtigkeit singende Sopranistin Ingrid Frøseth.
Vor dem langen Beifall wird nochmals Fortuna angerufen: Das Glück ist so veränderlich wie der Mond, das Schicksal ein rollendes Rad.
(Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 02.01.2012)
2. Sinfoniekonzert - Bußtagskonzert, Staatsorchester Kassel, Stadthalle Kassel am 16.11.2011
Große Hits und Überraschungen
Es ist ein zündender Einfall des norwegischen Komponisten Edvard Grieg: So markant die von den gezupften tiefen Streichinstrumenten und den Fagotten exponierte Tonfolge ist, so wirkungsvoll wird sie in Lautstärke und Tempo gesteigert. Und dann setzte auch noch der Chor der Trolle ein.
Wer "In der Halle des Bergkönigs" nur aus der ersten "Peer-Gynt-Suite" kennt, erlebte bei diesem massiven Choreinsatz eine überraschung in der ausverkauften Kasseler Stadthalle. Generalmusikdirektor Patrik Ringborg dirigierte beim Bußtagskonzert des Staatstheaters Griegs Schauspielmusik zu Henrik Ibsens dramatischem Gedicht Ð nicht die beiden Orchestersuiten, in denen Grieg die größten Hits daraus zusammengefasst hat.
Zu Hits taugen freilich auch weitere Nummern der Bühnenmusik. Zum Beispiel der "Tanz der Bergkönigstochter" mit seiner modalen Melodie. Überraschend ist es auch, die Stücke im ursprünglichen Zusammenhang zu hören. Die berühmte "Morgenstimmung" gilt etwa als Muster nordischer Tonpoesie. In Wahrheit leitet Grieg damit aber den vierten Akt des Dramas ein, der an der Küste von Marokko beginnt.
Stimmungszauber, aber auch kräftige Effekte: Es war eine äußerst dankbare Aufgabe für das Staatsorchester Kassel und den Klangregisseur Ringborg. Wunderschön interpretierte man das Streicherstück "Åses Tod", federnd "Anitras Tanz". Und bei all den Farben von der so wohltönenden Oboe (Sabine Nobis) bis hin zum Schlagzeug gab es auch ein folkiges Solo des Bratschisten Paul Wiederin. Für den Zauber eines lyrischen Soprans sorgte LinLin Fan mit ihrem exquisiten Timbre.. Bei aller Grazie doch tragend im Gesang sang die Chinesin "Solveigs Lied". Ein Hit, auch in der Interpretation. Ein anderes Vergnügen war es, den norwegischen Bariton Espen Fegran mit serenadenhaftem Schwung in seiner Muttersprache zu hören. Eine dunkle Sopranstimme kam von Arpiné Rahdjian als Anitra. ... Der Opernchor des Staatstheaters, der Chor der Musikakademie Kassel und die Kantorei St. Martin überzeugten nicht nur als wütende Trolle. Unheimlich wurde es bei der Nachtszene, sakral beim A-cappella-Satz des Pfingstliedes. Viel Beifall.
(Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 18.11.2011)
3. Sonntagskonzert, Staatsorchester Kassel, Staatstheater Kassel am 03.04.2011
Spannende Schweden
Staatsorchester und Patrik Ringborg mit Musik aus dem Norden
"Das Werk, an dem ich arbeite, ist mein eigenes Leben, das gesegnete, das verfluchte: um den Gesang wieder zu finden, den die Seele einst gesungen hat." So emotional wie dieses Bekenntnis ist die Musik von Allan Pettersson (1911-1980). Allein 17 Sinfonien schuf der vor hundert Jahren geborene schwedische Komponist, ein Ausdrucksmusiker, den jeder wissbegierige Klassikhörer kennenlernen sollte.
Gelegenheit dazu bot das Sonntagskonzert im Opernhaus mit einem Rundgang durch die schwedische Musik. Patrik Ringborg, Kassels schwedischer Generalmusikdirektor, und das Staatsorchester machten sich dabei auch für Petterssons "Barfußlieder" (1943-45) stark. ...
Petterssons Lieder haben einen eingängigen, doch merkwürdig gebrochenen Tonfall, dem man ähnlich wie bei Gustav Mahler nicht ganz trauen kann. Bariton Espen Fegran war ein anrührender Solist. Das Staatsorchester trug in Antal Doratis Orchesterfassung von 1968 eine Fülle an Farben auf bis hin zu volkstümlichem Gefiedel.
Ein eindrucksvoller Programmpunkt zuvor kam aus der barocken Ära - dank der exzellenten Flötistin Judith Hoffmann. Virtuosität und eine beredte Gestaltung des Flötentons gab es in Johan Helmich Romans Konzert G-Dur - und im Finale einen gewitzten Kleindialog mit dem Cembalo spielenden GMD.
Delikat auch die im klassischen Stil gehaltenen Musiken von Joseph Martin Kraus. Die schwedische Sopranistin Ingrid Frøseth blieb dem Titel ihrer Arie "Ach, welch Anmut" fürwahr nichts schuldig.
Wie ein kleines Bruckner-Adagio samt weihevollen Blechbläserklängen mutete ein Stück von Wilhelm Stenhammar an - romantisch, aber typisch für Ringborg feinsinnig, ohne breiten Pinsel dargeboten. Rege Holzbläser und berückende Romanzentöne der Streicher brachte Lars-Erik Larssons Pastoral-Suite op. 19.
(Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 04.04.2011)
Dem Gesang nachspüren
Bildungslücken schloss ein Sonntagskonzert mit Werken aus der schwedischen Heimat von GMD Patrik Ringborg. Virtuos, mit Gespür für barocke Klangrede musizierte die stellvertretende Soloflötistin Judith Hoffmann im Konzert G-Dur von Johan Helmich Roman. Der Aussage "Ach, welch Anmut" einer Arie von Joseph Martin Kraus blieb Sopranistin Ingrid Frøseth nichts schuldig. Wie ein kleines Bruckner-Adagio wurde ein Stück von Wilhelm Stenhammar zelebriert, und in Lars-Erik Larssons Pastoral-Suite op. 19 gab es berückende Romanzentöne der Streicher.
Ausgezeichnet zum Gesangsmotto passte der Komponist Allan Pettersson, von dem das Bekenntnis stammt: "Das Werk, an dem ich arbeite, ist mein eigenes Leben, das gesegnete, das verfluchte: um den Gesang wieder zu finden, den die Seele einst gesungen hat." Acht Stücke aus seinen frühen Barfußliedern (1943-45) standen in der Orchestrierung von Antal Doráti auf dem Programm. Espen Fegran, Kassels fulminanter Lear, war der anrührende Solist. Das Staatsorchester Kassel und Dirigent Patrik Ringborg beeindruckten einmal mehr mit ihrem Klangsinn.
(Das Orchester, 06.2011)
10. Classic Night, Staatsorchester Kassel, Königs-Galerie Kassel am 21.03.2010
Die Schulter geküsst
Die Classic Night in der Königsgalerie entführte zur Operette
Spitzentöne, Koloraturen und Weltschmerz gibt es in Leonard Bernsteins Arie "Glitter and Be Gay", die Sopranistin Ingrid Frøseth brillieren lässt.
Doch dann stürmt ein tollkühner Frackträger die Treppe hoch. Und kassiert für seinen Anschlag eine Ohrfeige von der konsternierten Sängerin. Bassbariton Krysztof Borysiewicz ist um die musikalische Antwort nicht verlegen: "Ach, ich hab' sie ja nur auf die Schulter geküsst".
Mit Spielwitz aufgelockert und sehr charmant war die zehnte Classic Night in der Königs-Galerie. Sänger des Staatstheaters, Generalmusikdirektor Patrik Ringborg und das Staatsorchester entführten 900 Gäste in die prickelnde Welt der Operette. Die verlangt nicht weniger Einsatz als die "ernste Muse", wie Dirigent Ringborg schon beim Auftakt mit der Ouvertüre zur Strauss-Operette "Eine Nacht in Venedig" herausstrich. Die Windungen der Melodien, die reizenden Verzögerungen — all dies will mit viel Detailliebe zelebriert werden.
Hauptkomponist im edlen Ambiente war Franz Lehár mit seiner noblen Sentimentalität. "Dein ist mein ganzes Herz" und "Freunde, das Leben ist lebenswert" sang der Tenor Dong Won Kim mit strahlender Stimme. Für wunderschön blühende Gesangsbögen sorgte Sopranistin Sara Eterno. Unter anderem mit dem Vilja-Lied und im intimen Duett mit dem Maxim-erprobten Bariton Geani Brad mit "Lippen schweigen, s' flüstern Geigen".
Die wie immer charmante Moderatorin Insa Pijanka steuerte Wissenswertes und Anekdotenhaftes bei. Und das Herrenensemble, ergänzt durch Johannes An und J‡nos Ocsovai, stellte einen Sachverhalt fest, der alle Schulterküsser beschäftigt: "Ja, das Studium der Weiber ist schwer".
Kräftiger Beifall.
(Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 01.03.2011)
4. Sinfoniekonzert, Staatsorchester Kassel, Stadthalle Kassel am 14.02.2011
Starker Klang mit schrägen Tönen
Die Abkehr vom Alltag, das Eintauchen in eine andere Welt: Auch dies macht den Reiz eines Sinfoniekonzerts aus. Diesmal geriet der Eintritt in die ästhetische Dimension besonders suggestiv.
Generalmusikdirektor Patrik Ringborg und das Staatsorchester Kassel eröffneten den Abend in der ausverkauften Kasseler Stadthalle mit "Cantus in Memory of Benjamin Britten" (1977) für Streichorchester und Glocke des estnischen Komponisten Arvo Pärt.
Mit groß besetzter Streichergruppe und dem expressiven Dirigat Ringborgs wurde das Werk als geradezu ozeanisch wogende Musik zelebriert: ein starkes Klangerlebnis. ... Eine Delikatesse stand dafür nach der Pause auf dem Programm: Benjamin Brittens Serenade für Tenor, Horn und Streicher (1943).
Der englische Komponist, ein Meister des musikalischen Aquarells, hat in seiner Serenade englische Lyrik aus verschiedenen Jahrhunderten zu fein austarierten Stimmungsbildern gefügt, vom Pastoralen bis zum Nächtlichen und Elegischen. Eindruck machten die "schrägen" Naturtöne, die John Ryan im Prolog und im Epilog blies, die Dynamik der Streicher und vor allem der irische Gasttenor Robin Tritschler: eine schlanke, klare, sehr britische Stimme, eine wunderbar feinfühlige Darbietung.
Den krönenden Abschluss bildete Mozarts "Jupiter-Sinfonie" - in einer mehr romantischen als historisierenden Lesart, was eine gewisse Courage erfordert, weil das historisch informierte Musizieren heute ja oftmals als allein selig machende Lehre gilt. Ringborgs Ansatz überzeugte und ließ die dunklen, pathetischen und heroischen Seiten der vielschichtigen Komposition nicht zu kurz kommen. Viel Beifall.
(Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 15.02.2011)
2. Sinfoniekonzert - Bußtagskonzert, Staatsorchester Kassel, Stadthalle Kassel am 18.11.2010
Großes Kino für die Ohren
So gibt es in "König David" unterschiedliche Stilebenen vom Neobarock bis zum orientalischen Flair, von Archaik bis zum Strawinsky-Anklang. Oft sehr kurz sind die 27 Sätze des Oratoriums - ein Mix der rasch wechselnden Stimmungen.
Genau dies dürfte Generalmusikdirektor Patrik Ringborg gereizt haben, der das Werk beim Kasseler Bußtagskonzert in der fast ausverkauften Stadthalle dirigierte. Eine Affinität zwischen Komponist und Dirigent besteht wohl in der Vorliebe für präzis gesetzte Klangfarben. So gelang großes Kino für die Ohren mit einem plastischen Orchestersatz, in dem die Bläser viel zu tun hatten, mit Schlagzeug-Effekten und samtigen Streicherklängen. Auch die monumentalen Steigerungen, etwa im "Tanz vor der Bundeslade", kostete Ringborg genussvoll aus. Bestens aufgestellt wie das Staatsorchester dabei der Opern- und Extrachor des Kasseler Staatstheaters.
(Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 19.11.2010)
2. Sinfoniekonzert, Philharmonisches Staatsorchester Nürnberg, Meistersingerhalle Nürnberg, am 15.10.2010
So lustig poltert es im Parlament
Endlich mal ein Eklat, der Spaß macht: Wenn Detlev Glanert, der Schöpfer der jüngst im Opernhaus uraufgeführten Oper "Das Holzschiff", in seinen "Neun Karikaturen für Orchester" einen großen sinfonischen Apparat zum Finale mit aller Wucht auftrumpfen lässt, dann ist in die martialische Klanggeste das Augenzwinkern quasi mit einkomponiert. "Parlament mit Eklat" heißt die Schlussszene jenes kurzen, aber amüsanten, mit allerlei eklektizistischen Details aus der Geschichte der Sinfonie gespickten Werks, die das Orchester und seine Instrumente als Metapher für die demokratisch gewählten Volksvertreter sieht. Dass diese schließlich übereinander herfallen, ist - so die Titel der Sätze - den "Intrigen" eines dicken und dünnen "Karrieristen" geschuldet, in deren Folge sich der "Staatsetat" wie ein riesiges Soufflé aufbläht.
Hellwach zeigten sich die Philharmoniker unter der Leitung des schwedischen Dirigenten und Kasseler GMD Patrik Ringborg am Freitagabend in der Meistersingerhalle, mit präziser Intonation und rhythmischer Geistesgegenwart wurden Tänzchen aus dem Tritt gebracht oder mit Crescendi Schabernack getrieben. So, mit schmunzelnder Übertreibung und Verzerrung des Bekannten, klang plötzlich auch zeitgenössische Musik leicht zugänglich. Die Philharmoniker liefen hier zur Hochform auf. ...
Umso mehr warme, freundliche Farben und differenzierte Klangschattierungen entfalteten die Philharmoniker bei Beethovens 6. Sinfonie. Ringborg arbeitete mit seinem feingliedrigen, kleinteiligen Dirigat die Details der in sich ruhenden, idyllischen Landschaftsschilderung der Pastorale heraus.
(Nürnberger Zeitung, 17.10.2010)
Open-Airkonzert des Staatsorchesters Kassel, Karlswiese Kassel am 29.08.2010
Nach der Pause verkündete es auch Moderator Herbert Feuerstein von der Bühne: "Wir haben einen neuen Publikumsrekord: 25000 Zuschauer. Vielen Dank, dass sie gekommen sind und vielen Dank, dass sie in der Pause geblieben sind."
Letzteres war für die Besucher des dritten HNA Sommer Open Airs selbstverständlich, denn dieser Abend machte einfach Lust auf mehr.
Um 20.05 Uhr betrat Patrik Ringborg im weißen Jackett die Bühne, schwenkte seinen Strohhut zur Begrüßung des Publikums und stimmte mit der so genannten "Eurovisionshymne" (das Prélude zum "Te Deum" von Jaques Charpentier) auf die kommenden zweieinhalb Stunden ein. Zu diesem Zeitpunkt kamen immer noch hunderte von Besuchern die Gustav Mahler Treppe hinunter zur Karlswiese - ein Zustrom, mit dem niemand gerechnet hatte.
15000 Zuschauer hatte man aufgrund der guten Resonanz der letzten beiden Jahre erwartet. Diese Zahl war nach Angaben der Feuerwehr bereits um 19 Uhr weit überschritten. Am Ende wurden es 25000. Sehr zur Freude von Moderator Herbert Feuerstein, der sich den Zuschauern auf dem hinteren Teil der Karlswiese mit den Worten vorstellte: ãIch begrüße auch die Zuschauer, die mich nicht sehen. Ich bin der große Blonde mit dem Vollbart."
Dann ging es mit "Ombra ma il fu", der wohl berühmtesten Arie von Georg Friedrich Händel, weiter im Musikprogramm. Danach folgte ein Kuriosum: Die Ouvertüre zu György Ligetis Oper "Le Grand Macabre" wird nur auf Autohupen gespielt.
Mit zwei Filmmusiken, aus "Now Voyager" und "Dangerous Moonlight", zeigte das Staatsorchester, wie sehr es diese Musikgattung mag, dann gab es wieder eine Überraschung, denn wer hätte schon mit einem Song von Beyoncé gerechnet? Mehr noch: Ihr "Listen", ein Song aus dem Film Dreamgirls, war für viele Zuschauer der Höhepunkt des Abends.
Doch Patrik Ringborg und das Staatsorchester setzten noch einen drauf: "Fantasia on British Sea Songs" von Henry Wood, die krönende Schlussmusik der "Last Night of the Proms" in London, bei der die Engländer immer ausflippen. Und als dazu über dem Gelände der Goldregen und die Wasserfälle des Phönixx-Feuertheaters herunter gingen, wurde die Orangerie tatsächlich zur Royal Albert Hall und die Karlswiese zum Hyde Park.
Grenzenloser Jubel, tosender Applaus. Man konnte wirklich nur noch sagen "Thank you for the music". Mit diesem Abba-Hit wurden 25000 Zuschauer in eine mondbeschienene Sommernacht entlassen. Auf Wiedersehen und -hören im nächsten Jahr.
Tausende genossen die Stimmung beim HNA-Sommer-Open-Air
Als sich zu den Klängen von "Rule Britannia" aus den "British Sea Songs" über der Orangerie ein riesige Zahl von Leuchtkörpern zu einer gigantischen funkelnden Kugel blähte, war der Genuss perfekt: Das Lichtspektakel und die musikalische Untermalung durch das Kasseler Staatsorchester und seinen Dirigenten Patrik Ringborg gingen eine faszinierende Verbindung ein. Das war der Höhepunkt des Konzerts, das auf der voll besetzten Karlswiese von 25 000 Menschen verfolgt wurde - gegenüber 15 000 im Vorjahr.
Aber es war noch nicht das Ende. Nach der ersten Zugabe, "Tanz des Hirtenmädchens" des schwedischen Komponisten Hugo Alfvén folgte der Abba-Song "Thank you for the Music"- und da setzte sich das Feuerwerk mit unzähligen geschenkten Feuerzeugen und Kerzen das Feuerwerk auf der Wiese fort. Hier, wie übrigens schon zuvor beim Rock-Titel "Listen", der ebenfalls wiederholt wurde, zeigte die Kasseler Opernsopranistin Nina Bernsteiner, dass sie auch als Rock-Röhre Star-Potenzial hat. ...
Nun darf man gespannt sein, was Patrik Ringborg und das Staatsorchester beim nächsten Open-Air-Konzert servieren werden. Denn vielfach war zu hören: "Nächstes Jahr sind wir wieder da!"
(Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 22.08.2010)
8. Sinfoniekonzert, Staatsorchester Kassel, Stadthalle Kassel am 28.06.2010
Leben aus der Klangfälle
Sucht man nach einem Klang von Heimatlosigkeit, dann kann man ihn am Anfang von Ernest Blochs hebräischer Rhapsodie "Schelomo" finden. Den traurigen Gesang des Solocellos kontrastiert das Orchester mit so gespenstisch-unwirklichen Klängen und einer schleifenden Harmonik, dass es dem Hörer den Boden unter den Füßen wegzuziehen scheint.
Blochs 1916 - im Jahr seiner Abreise ins amerikanische Exil - entstandener Klagegesang auf König Salomo gehört zu jenem Typus jüdischer Musik vom Beginn des vorigen Jahrhunderts, in der Hoffnung allenfalls als Sehnsucht aufscheint. Wolfram Geiss, Solocellist des Staatsorchesters, spielte den solistischen Part im letzten Kasseler Sinfoniekonzert der Spielzeit mit vornehm-kantablem Ton und einem expressiven Gestus, der zwischen Beschwörung und Resignation lag - eine einsame Stimme gegen das vielstimmige Aufbäumen des Orchesters.
Eine dichte Einstimmung auf die erste Sinfonie Gustav Mahlers, eines anderen großen Heimatlosen. Der böhmische Jude, der sich nicht nur in Österreich fremd fühlte, hat 1889 gleich mit seinem ersten Beitrag zur Gattung Sinfonie deren Rahmen gesprengt. Ursprünglich nannte Mahler das Werk eine Tondichtung nach Jean Pauls Roman "Titan", nahm dies später jedoch zurück. Gleichwohl kündigt er die formale Geschlossenheit der Gattung Sinfonie auf. Und er verwendet musikalisches Material wie Liedmelodien und Blasmusik-Elemente, das bis dahin keinen Eingang in die Kunstmusik gefunden hatte.
Eine Fülle an Themen, Naturstimmungen, musikalischen Gesten und emotionalen Zuständen packt Mahler in seine erste Sinfonie. Diesen Reichtum führten das Staatsorchester und sein Leiter Patrik Ringborg neun Tage vor Mahlers 150. Geburtstag am 7. Juli eindrucksvoll vor.
Ringborg ist kein Dirigent, der Gegensätze übertüncht und in einer kompakten Form zusammenzwingt. Erst indem das Eigenleben der Motive und Stimmungen sich zusammenfindet, entsteht Struktur, wie im ersten Satz, der sich allmählich aus einem naturhaften Klang entwickelt. Daraus entstehen thematische Blöcke, Liedmelodien, Hörner-Gesänge (ein Sonderlob der Horn-Gruppe!). Insgesamt jedoch dominiert das Fragile. Flächen entstehen, in denen sich die musikalische Zeit aufzulösen scheint, in denen sich aber Neues zusammenbraut.
Ländlerisch, aber nicht grob gibt sich bei Ringborg der zweite Satz, und der ins Moll gewendete Bruder-Jakob-Kanon im dritten wird mit einer sehr diskreten Blaskapelle gegengeschnitten. Umso wirkungsvoller bricht der Tumult des Finalsatzes los - laut Mahler "der Aufschrei eines im Tiefsten verwundeten Herzens".
Toll, wie Ringborg diesen Satz transparent hält und damit das Gewaltsame des heroischen Schlusses offenlegt. Jubelnder Beifall in der Stadthalle fär den Dirigenten und ein Orchester in Hochform.
(Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 29.06.2010)
9. Classic Night, Staatsorchester Kassel, Königs-Galerie Kassel, 21.03.2010
Das Schweigen in Melodie
Wahre Donnerschläge erschütterten, bevor die Wahrsagerin Ulrica in Verdis "Maskenball" finster den König des Abgrunds beschwor.
Italienische Opernmusik mit all ihren Herrlichkeiten an prallem Effekt und schwelgerischer Melodik stand auf dem Programm - von Generalmusikdirektor Patrik Ringborg und vom Orchester dynamisch zur Wirkung gebracht. Ein Glanzstück war etwa das Intermezzo aus Giacomo Puccinis "Manon Lescaut"...
Viel Beifall der rund 1000 Gäste.
(Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 22.03.2010)
5. Sinfoniekonzert, Staatsorchester Kassel, Stadthalle Kassel am 15.03.2010
Der Reiz des Sperrigen und Schroffen
Leicht machte es der schwedische Komponist Franz Berwald (1796-1868) den Geigern nicht. Sein Violinkonzert cis-Moll ist gespickt mit unangenehm zu spielenden Passagen. Umso schöner, dass es sich der österreichische Geiger Benjamin Schmid (41) nicht hat nehmen lassen, das Berwald-Konzert einzustudieren und mit dem Staatsorchester in Kassel erstmals zu spielen. Denn trotz mancher Sperrigkeiten hat das Stück einige Schönheiten zu bieten.
Das beginnt beim ungewöhnlichen, quasi tiefer gelegten, Orchesterklang ohne Oboen und setzt sich fort in zahlreichen originellen solistischen Episoden. Gleich im ersten Satz gilt es, ungewöhnliche Staccato-Doppelgriffe klangvoll zu spielen, ehe sich eine warme Melodik entwickelt. Benjamin Schmid überwand nicht nur die technischen Hürden mit Bravour. Sein Spiel ist auch emotional so intensiv durchdrungen, dass es die Zuhörer in Bann nimmt. Dass es zudem über einen exquisiten Geigenton verfügt, zeigte er im mit feinen Arabesken verzierten stimmungsvollen Solopart des Adagios.
Wie feines Gelächter erscheinen die Abwärtsskalen der Solovioline im Finale, bei dem der knorrige Berwald dem Solisten nicht einmal den Virtuosenbeifall zu gönnen scheint: Die letzten Geigentöne werden vom vollen Orchesterklang überdeckt.
Benjamin Schmid erhielt dennoch Riesenapplaus in der fast ausverkauften Kasseler Stadthalle und erntete mit seiner bravourös gespielten Zugabe, Heinrich Ignaz Franz Bibers Passacaglia in g-Moll, den Jubel des Publikums.
Zuvor hatten das Staatsorchester und sein schwedischer Generalmusikdirektor Patrik Ringborg die Zuhörer bereits mit der Ouvertüre zu "Estrella de Soria" auf die eigenwillige Klangwelt Berwalds eingestimmt. Hier war es der von tiefen Streichern und Posaunen dominierte Orchesterklang, der besonderen Reiz ausübte.
Eine lange Leidensgeschichte durchlebte Robert Schumann (1810-1856) mit seiner d-Moll-Sinfonie. Über mehr als ein Jahrzehnt zog sich der Prozess von Ablehnung und Umarbeitung, bis das Werk als Sinfonie Nr. vier 1853 schließlich erfolgreich aufgeführt wurde.
In der Schumann-Reihe des Staatsorchesters zum 200. Geburtstag des Komponisten gab es zunächst eine aufwühlende "Manfred"-Ouvertüre, bevor Patrik Ringborg mit einer kompakten, auch Schroffheiten nicht scheuenden Vierten einen starken Akzent setzte.
Langsam und schwer kam die Einleitung daher, umso kraftvoller folgte das Hauptthema des ersten Satzes. Dem dichten Orchesterklang hätte in den ersten Geigen noch etwas mehr Silberglanz gutgetan. Toll indes, wie Ringborg den polternden Beginn des Scherzos unmerklich ins Spielerische führte, ein Kunststück, das auch im sehr rasanten Finale gelang, wo sich Kraftmeierei in tänzerische Eleganz verwandelt. Laute Bravos nach dem mitreißenden Schlussgalopp.
(Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 16.03.2010)
Patrik Ringborg stellte in zwei Konzerten Musik aus seiner Heimat vor. Zuerst von Franz Berwald, dem Romantiker mit Wurzeln in der Klassik. Im Sinfoniekonzert im März folgten vor der Pause zwei Berwald-Stücke aufeinander. Zuerst die abwechslungsreiche Ouvertüre zu Estrella de Soria, im üppigsten romantischen Idiom à la Schumann gehalten. Mit großem Bogen ließ Ringborg sie ausmusizieren, ehe im zwanzig Jahre zuvor komponierten Violinkonzert, das man nicht unbedingt als Geniestreich eines Frühreifen einzustufen braucht, die halbe Stunde eines exquisiten Geigers anbrach. Benjamin Schmid spielte das Werk erstmals öffentlich und hatte alle Virtuositäten und die (mitunter doch recht wirkungsarmen) technischen Finessen exquisit drauf, verstand es jedoch dabei auch, im Zusammenspiel mit dem Orchester die wenigen melodischen Linien bestens auszuformen. Als Zugabe spielte er eine Passacaglia von Biber und ließ den vollen Saal in stillster Bewunderung erstarren.
Der zweite Teil war Robert Schumann vorbehalten. Nach der Manfred-Ouvertüre dirigierte Ringborg die 4. Sinfonie, was ihm offenbar ein Herzensanliegen war. Vom ersten Ton an versank der schwedische Dirigent in den schumannschen Klangfluten und tauchte erst wieder daraus aus, als das Publikum, das die Stadthalle erneut fast bis auf den letzten Platz gefüllt hatte, zu begeistertem Jubel ansetzte. Das Staatsorchester folgte seinem Chef auf opulente Klangflächen und in breite Melodieströme. Die Darbietung hatte auch deshalb Format, weil es gelang, die Sinfonie durch oft scharfe Tempowechsel interessant zu gliedern. In allen Instrumentengruppen herrschte höchste Einsatzbereitschaft, sodass der große Jubel am Ende nicht vorsätzlich herausgekitzelt wurde, sondern als Entladung einer dramaturgisch geschickt aufgebauten Spannung entstand.
(Das Orchester, 06.2010)
2. Sonntagskonzert (Neujahrskonzert), Staatsorchester Kassel, Staatstheater Kassel am und 01. und 03.01.2010
Liebe, Leid und Leichtigkeit
Patrik Ringborg leitete die umjubelte Neujahrsgala des Kasseler Staatstheaters mit italienischen Arien
Klassiker der Neujahrskonzerte sind Beethovens Neunte oder populäre Programme auf Walzerbasis, wie sie die Wiener Philharmoniker jedes Jahr mit Erfolg zelebrieren. Da ist eine italienische Operngala, wie sie erstmals in Kassel präsentiert wurde, eine originelle und willkommene Abwechslung. Allerdings gibt es dabei ein Problem, und das deutete sich schon in den Unisono-Orchesterschlägen zur Ouvertüre von Verdis "Macht des Schicksals" an: Anders als die Wiener Operette verbreitet die italienische Oper nicht nur gute Laune. Statt dessen wird gelitten und gestorben, aber auch leidenschaftlich geliebt.
Generalmusikdirektor Patrik Ringborg zog im ausverkauften Opernhaus eine erschreckende Bilanz der Verwüstung, die das Neujahrsprogramm von Verdi, Leoncavallo, Cilea und Puccini hinterlassen hatte: Vierzehn Tote und elf Liebesbeziehungen, darunter zehn gescheiterte.
Das Publikum zog jedoch eine andere Bilanz, und feierte am Ende mit skandierendem Beifall die herausragenden sängerischen Darbietungen. Einziger trüber Gedanke dabei: Man würde in Kassel gern mehr davon auch szenisch auf der Opernbühne erleben. Zum Beispiel das ergreifende Pathos und die stimmliche Klarheit Sara Eternos im Weidelied der Desdemona aus Verdis "Otello". Oder die reichen lyrischen Farben, die Sara Eterno in der Arie "Ecco, respiro appena" aus Cileas "Adriana Lecouvreur" ausspielte.
Eine Demonstration der Stimmkunst gab Ingrid Frøseth mit der Arie der Gilda "Caro nome" aus Verdis Rigoletto: Leichtigkeit, blitzsaubere Höhe, Intensität - so wird das Publikum die italienische Oper immer lieben. Nicht minder allerdings wegen ihrer großen Tenor-Hits. Zwei davon präsentierte der Stargast des Abends, der chilenische Tenor Felipe Rojas Velozo: "La donna è mobile" aus "Rigoletto" und "Nessun dorma" aus Puccinis "Turandot". Velozo vereint alle Qualitäten eines italienischen Tenors: Samtigen Schmelz, leicht metallisches Timbre, Hingabe und Pathos sowie - als sportliche Kategorie - ein hohes C mit Glanz und Power. Bravo!
Als Entdeckung für Kassel erwies sich Espen Fegran. Mit schwarzer Färbung und suggestiver Präsenz sang er Jagos "Credo" aus "Otello", hinreißend und kraftvoll den Prolog aus Leoncavallos "Bajazzo" (I Pagliacci). Ein vielversprechender Auftritt für den Bariton, der demnächst als Beckmesser in Wagners "Meistersingern" zu erleben sein wird.
Trotz aller schicksalhafter Dramatik dieser Operngala, in der sich das Staatsorchester unter Ringborgs Leitung als souveräner Begleiter gab: Das Neujahrskonzert endete mit Sektlaune: "Brindisi", das Trinklied aus Verdis "La traviata", wurde als Zugabe hinreißend dargeboten von Ingrid Frøseth, Maren Engelhardt, Felipe Rojas Velozo und Espen Fegran
(Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 03.01.2010)
2. Sinfoniekonzert, Staatsorchester Kassel, Stadthalle Kassel am 14.12.2009
Ständig in Bewegung
Patrik Ringborg dirigierte beim Kasseler Sinfoniekonzert französische Werke
... Französische Werke aus den Jahren 1886 bis 1903 standen in der Stadthalle auf dem Programm, eine Musik, die einen exquisiten Klangrausch verheißt.
Kassels schwedischer Generalmusikdirektor Patrik Ringborg hat dazu wohl eine besondere Affinität. Denn er erwies sich schon oft als feinsinniger Gestalter der musikalischen Farben und Nuancen, der Schattierungen und der Atmosphäre. So auch diesmal - unterstützt durch die hohe Klangkultur des Staatsorchesters Kassel.
Als gewichtiges Werk gab es in der zweiten Hälfte César Francks Sinfonie d-moll, der die Konzertführer nicht zu Unrecht eine Tendenz zu mäandernden Verläufen zuschreiben. Mit einer Dirigiergestik, der man dies ebenfalls zubilligen kann, verstärkte Ringborg das wellenförmig Schlängelnde der Komposition. Ständig in Bewegung und auch mal mit zitterndem Dirigierstab, kostete er Stimmungen aus, versah Übergänge mit zärtlichen Entschleunigungen. ...
Das Konzert begann düster mit Albert Roussels reizvoll unstetem sinfonischem Präludium "Résurrection", worauf ein weiteres Frühwerk folgte: Claude Debussys Poème lyrique "La Damoiselle Élue". Das schwelgerische Musikgedicht brachte für die 1050 Zuhörer in der Stadthalle ein Wiederhören mit den früher in Kassel, nun in Hannover engagierten Sängerinnen Monika Walerowicz (Mezzosopran) und Nicole Chevalier (Sopran). Direkt, ein wenig veristisch klang die Mezzopartie. Delikat, auch mit üppigen Farben in der tiefen Lage, und mit weiten dynamischen Bögen kam der dankbarere Sopranpart daher. Langer Beifall.
(Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 15.12.2009)
(Hersfelder Zeitung, 15.12.2009)
Sinfoniekonzert, RTÉ National Symphony Orchestra, National Concert Hall Dublin 06.11.2009
Patrik Ringborgs Debut mit dem RTÉ National Symphony Orchestra letztes Jahr was ein reines Wagner-Geschäft. Dieser zweite Auftritt bestätigte seine Fähigkeit über ein viel weiteres Feld. Raffinierte Inspiration steckte in der Programmauswahl des RTÉ NSO. Die erste Hälfte bot Kontraste, weniger im Stilistischen als im Tonalen, als ein schwunghaftes A-Dur in Haydns 87. Sinfonie Platz machte für ein glühendes Es-Dur in Mozarts 4. Hornkonzert. Die Kontraste im zweiten Teil waren jedoch erheblich, sowohl stilistisch als auch psychologisch. Zur ungreifbaren Welt der "dunklen, geheimen Liebe", hervorgerufen durch Brittens Serenade für Tenor, Horn und Streicher, hätte man kaum ein deutlicheres Gegenmittel als Strauss' Don Juan finden können.
Ringborg gewährleistete ein Spielen, das gut begann und stets besser wurde. Eine gewisse Ländlichkeit in den Holzbläsersoli, von einigen kräftigenden Hornstößen ganz zu schweigen, brachte ausgeprägte Farben zur Haydn-Sinfonie. Statt historische Instrumente nachzuahmen, hatte der optimal reduzierte Streicherapparat Klarheit, geschmackvolles Phrasieren und ein wohltuendes Mittelmaß an Vibrato im Fokus.
In voller Stärke wurde die disziplinierte Annäherungsweise der Streicher den Feinheiten nicht nur in Brittens Begleitung in bemerkenswerter Art gerecht, sondern auch in Strauss' fordernder Partitur. Für das ganze Orchester wurde Ringborgs scharfsinnig-fiebrige Deutung von Don Juan erwiesenermaßen ein in der Tat auffälliger technischer Erfolg.
Sowohl das Konzert als auch die Serenade wurden mit einem unfehlbar schönen Ton von dem Dubliner John Ryan, Solohornist des London Philharmonic Orchestra, geschickt ausgestattet. Und die Serenade war, dank der zielstrebigen Verständlichkeit und wahrer vokalen Eleganz des Tenorsolisten Robin Tritschler, eine unauslöschliche Sternstunde.
(The Irish Times, 12.11.2009)
Festkonzert, Staatstheater Kassel 50 Jahre -
Eröffnungskonzert, Staatsorchester Kassel, Staatstheater Kassel 12.09.2009
... Doch auch im alten Theaterbau hätte das Staatsorchester kaum besser klingen können. Grund dafür ist die vor zwei Jahren eingeweihte Konzertmuschel des Opernhauses, deren Finanzierung das Saison-Eröffnungskonzert auch in diesem Jahr diente.
So war bei der A-Dur-Sinfonie Nr. 87 von Joseph Haydn nicht nur Patrik Ringborgs dynamische Feinsteuerung zu bewundern. Im atmosphärisch wunderbar entspannten Adagio-Satz kamen auch die delikaten Bläsersoli und die fein ausgehörten Streicherfiguren bestens zur Geltung.
Moderatorin Insa Pijanka verwies dabei auf die Tradition, die Ringborgs Vorgänger Ádám Fischer (1987-92) mit der Reihe der Haydn-Konzerte begründet hat. Wie fulminant das Staatsorchester in großer Besetzung aufspielen kann, führten Ringborg und die Musiker mit einer leidenschaftlichen Interpretation der sinfonischen Dichtung "Don Juan" von Richard Strauss vor.
Beschwingt und gleichzeitig feierlich klingt der Marschsatz aus der vierten Sinfonie von Louis Spohr mit dem Beinamen "Die Weihe der Töne". Mit gutem Grund wurde der wichtigsten Figur in Kassels reicher Musikgeschichte im Jahr seines 225. Geburtstages und 150. Todestages mit diesem Stück gedacht.
Dass es sich um ein Konzert im Opernhaus handelte - und dass zur Oper auch Spektakel gehört, dies führte Ringborg zusammen mit Orchester, Opern- und Extrachor beim Zigeunerchor aus Verdis "Troubadour" vor: Mit eigens von der KVG zur Verfügung gestellten Straßenbahnschienen wurden die Metallschläge in diesem Stück zelebriert.
Vor dem umjubelten Finale mit dem "Wach auf"-Chor aus Wagners "Meistersingern" griff Ringborg auf eine andere Kasseler Tradition zurück: die von Gerd Albrecht eingeführten Gesprächskonzerte. So witzig und pointiert, wie Ringborg in die Musik von Wagners "Lohengrin"-Vorspiel einführte, kann es nur einen Wunsch geben: Mehr davon!
(Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 13.09.2009)
Open-Airkonzert des Staatsorchesters Kassel, Karlswiese Kassel am 29.08.2009
Tausende genossen die Stimmung beim HNA-Sommer-Open-AirDie Meisterwerke der populären Klassik von Wagner über Verdi bis Tschaikowsky und die intelligenten Späße des niederländischen Musikkabarettisten sorgten für Feststimmung im Publikum, das die Karlsaue in einen riesigen Picknickpark verwandelte. Staunen und Standing Ovations löste das grandiose Schlussfeuerwerk aus, das passend zur Musik der Sea Songs von Sir Henry Wood den Nachthimmel über der Orangerie erleuchtete. Damit war die Neuauflage des Open-Air-Konzerts erneut ein rauschender Erfolg. Trotz der recht kühlen Temperaturen waren wieder annähernd so viele Zuhörer wie im Vorjahr der Einladung des Staatstheaters und der HNA gefolgt, als 15 000 Menschen in die Karlsaue gekommen waren.
(Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 30.08.2009)
... Doch Liberg forderte nicht nur sein Publikum, das schließlich sogar aus vielen tausend Kehlen Chorübungen mitmachte. Er selbst wühlte sich in bewundernswerter Weise durch die Klavierliteratur von Beethoven bis Rachmaninow - umsichtig begleitet von Generalmusikdirektor Patrik Ringborg und dem Kasseler Staatsorchester.
Umgekehrt forderte Liberg dann auch das Orchester bei einer abenteuerlichen musikalischen Reise durch Europa. Vom bayerischen "Klarinettenmuckel" bis zum halsbrecherischen "Csárdás" wurde - erfolgreich - abgetestet, was die Musiker so draufhaben. Das hatten sie aber schon zuvor bewiesen: Das mitreißend gespielte Vorspiel zum dritten Akt von Wagners "Lohengrin" zu Beginn des von Orchestermanagerin Insa Pijanka launig moderierten Konzerts gab die Richtung vor: Festlichkeit und Pathos standen oben an - wie beim Triumphmarsch aus Verdis "Aida", der vom Heeresmusikkorps II der Bundeswehr kraftvoll unterstützt wurde.
Aber auch der zärtliche "Pas de deux" aus Tschaikowskys Nussknacker-Suite erreichte das versunken lauschende Publikum. Hier bewährte sich besonders die gegenüber dem Vorjahr stark verbesserte Beschallungsanlage, die auch im hinteren Teil der Karlswiese den Eindruck vermittelte, man höre die Musik direkt von der Bühne.
Unvergesslich dürfte das fantastische Finale dieses HNA-Open-Air-Konzert bleiben. Inzwischen war es dunkle Nacht geworden - und leider auch empfindlich kalt. Doch das Farbenspiel der beleuchteten Orangerie erwärmte die Herzen der 15.000 Menschen ebenso wie die Klänge von Sir Henry Woods "Fantasia on British Sea Songs" - weltberühmt durch die "Proms"-Konzerte.
Und dann geschah das Wunder: Mitten im leisen Oboensolo begann fast lautlos (!) über der Orangerie ein Feuerwerk aufzusteigen, das sich parallel mit der Musik zu einem grandiosen Himmelsspektakel steigerte. Das Publikum reagierte mit Begeisterungsrufen und Standing Ovations - und bekam als Zugabe zur "Feuervogel"-Musik noch mehr Feuerwerk.
(Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 31.08.2009)
Nach dem ersten Versuch im vergangenen Jahr wagte es das Staatsorchester, erneut ein Open-Air-Konzert zum Beginn der Saison. Vor der unschlagbaren Szenerie der Orangerie fand das Konzert unter Ringborgs Leitung am 29. August statt. Warm war es nicht, aber trocken, und mehrere tausend Zuhörer machten sich ein Vergnügen daraus, den Abend bei guter Laune mit Picknick und wärmenden Decken durchzufeiern. Zwar gab es diesmal keine Mondfinsternis wie 2008, dafür aber war die Akustik deutlich besser, auch dies wie das ganze Ereignis Resultat der großzügigen Förderung der örtlichen Tageszeitung "Hessisch-Niedersächsische Allgemeine". Für die heitere Moderation sorgte Hans Liberg.
(Das Orchester, 01.2010)
6. Sonntagskonzert, Staatsorchester Kassel, Staatstheater Kassel am 21.06.2009
Betörend mit Stolz und Leichtigkeit
Drei Hits des beliebteren Klassikers Mozart schmückten das Programm im sehr gut besuchten Opernhaus.
Auf die ultimative Erfolgsnummer, die Serenade G-Dur KV 525 "Eine kleine Nachtmusik", folgte das Klavierkonzert C-Dur KV 467 mit seinem überirdisch langsamen Satz. Den zweiten Konzertteil versüßte die Sinfonie A-Dur KV 201, ein Höhepunkt von Mozarts früher Instrumentalmusik.
Die Streicher des auch bei Mozart überaus beschlagenen Staatsorchesters Kassel und Generalmusikdirektors Patrik Ringborg gaben der vielfach verhunzten "Kleinen Nachtmusik" eine sublime Formung. Für den zweiten Satz, die Romanze, hatte sich Ringborg, mit der ihm eigenen Lust an tänzelnder Bewegung dirigierend, kreative Modifikationen des Tempos einfallen lassen. Das Menuett kam mit Stolz daher, der Trioteil betörend anmutig, mit schimmernder Begleitung. Überhaupt war viel Liebe zum Detail anzutreffen. Wunderbar etwa die Klangschattierungen im langsamen Satz der Sinfonie.
(Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 22.06.2009)
(Hersfelder Zeitung, 22.06.2009)
7. Sinfoniekonzert, Staatsorchester Kassel, Stadthalle Kassel am 04.05.2009
Abschluss der Kasseler Gustav-Mahler-Festtage
Die ganz Großen sind manchmal recht gutgläubig. Als Arnold Schönberg 1943 im amerikanischen Exil ein Auftragswerk für die zahlreichen Schüler-Blasorchester des Landes komponierte, verzichtete er zwar auf Atonalität und Zwölftontechnik, aber keineswegs auf seine Neigung zum Komplexen. Da war die Überforderung der Amateure programmiert.
Gestandene Profis - die Bläsergruppe des Staatsorchesters Kassel, verstärkt durch Gastbläser sowie durch Schlagwerk und Kontrabässe - warben nun beim Abschluss der Kasseler Gustav-Mahler-Festtage in der Stadthalle für Schönbergs "Thema und Variationen" op. 43a. ... Generalmusikdirektor Patrik Ringborg, ein Klanggestiker unter den Dirigenten, nötigte ihm einige ironische Grazie ab.
Die Streichergruppe hatte es anschließend leichter, Eindruck zu machen. Sie präsentierte nämlich Schönbergs "Verklärte Nacht", das populärste Werk des großen Antipopulisten. Auf dramatische Zuspitzung und Kompaktheit kann man bei dieser spätromantischen Programmmusik setzen - wie Mariss Jansons in seiner Münchner Live-Aufnahme. Patrik Ringborg ließ hingegen eher impressionistisch musizieren, zeichnete mit den konzentriert spielenden Streichern feinfühlig die gleichsam irrationalen Wellenbewegungen und Verästelungen der Fin-de-Siècle-Kostbarkeit nach. Viel Beifall gab es dafür von den 980 Zuhörern.
Alexandra Petersamer war dann die ausgezeichnete, bejubelte Solistin in Gustav Mahlers "Kindertotenliedern". Mit Balsam-Timbre, wunderbarem Legato und ausgereift verinnerlichter Interpretation berührte die Mezzosopranistin in den erschütternden Liedern nach Gedichten von Friedrich Rückert. Beredt auch die Bläsersoli aus dem Orchester, das bei diesem Konzert im Saal platziert war.
(Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 08.05.2009)
(Hersfelder Zeitung, 08.05.2009)
6. Sinfoniekonzert - Karfreitagskonzert, Staatsorchester Kassel, Stadthalle Kassel am 10.04.2009
Der Star aus den eigenen Reihen
Alban Bergs Violinkonzert von 1935 ist in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich. Es ist zugleich musikalisches Porträt und Requiem für die 18-jährig gestorbene Manon Gropius. Eine Ausdrucksmusik, der man die zwölftönige Struktur kaum anhört, ein Konzert, dessen Solopart nicht über dem Orchester schwebt, sondern aus ihm herauswächst. Gewissermaßen aus dem Orchester herausgewachsen ist auch die Solistin im Karfreitagskonzert des Kasseler Staatsorchesters in der ausverkauften Stadthalle: Die Konzertmeisterin Katalin Hercegh vertauschte das erste Geigenpult mit der Solistenposition. Und ihr herausragendes Spiel war eine Demonstration, dass man keine auswärtigen Stars einkaufen muss, wenn man eine so befähigte Musikerin in den eigenen Reihen hat.
Es ist keineswegs so, dass Berg bei seinem Konzert auf Höchstschwierigkeiten für den Solisten verzichtet. Komplexe Doppelgriffe mit Pizzikati, Flageolettsequenzen, rasche Läufe, alles ist vorhanden - und doch auf eine einmalige Weise substanziell in die Aussage eingebunden.
Die immer komplexer werdende Musik - und damit Manons Persönlichkeit - im ersten Satz. Der Weg vom anfänglichen Schreckensakkord (der tödlichen Krankheit) über das tröstliche Bach'sche Choralzitat bis zum verklärenden Verlöschen im zweiten. Katalin Hercegh fand hierfür eine Fülle von Ausdrucksfacetten und zeigte über alle Konzentration hinaus eine Freiheit des Spiels, die auf fragloser technischer Souveränität aufbaut. Und sie war getragen von einem Kollegen-Orchester und einem Dirigenten, Patrik Ringborg, die äußerst engagiert auch Bergs feinere Ausdrucksnuancen mitvollzogen.
Eine Gestaltungskraft, mit der Ringborg auch Mahlers fünfte Sinfonie durchdrang - dank eines inspiriert spielenden Orchesters mit Frank Severin als herausragendem Solotrompeter. Die besondere musikalische und emotionale Mobilisierung, die Ringborg in Momenten wie diesen gelingt, zielt nicht allein aufs Kollektiv. Er scheint an jeden einzelnen Musiker zu appellieren. Und wenn es gelingt, entsteht eine tolle Vielfalt in der Einheit. So geschah es in den beiden ersten Sätzen der Fünften, die eine unerhört große Reichhaltigkeit an Stimmen und Stimmungen offenbarten. Auch wenn im Scherzo gelegentlich etwas die Orientierung verloren ging: Im berühmten Adagietto klangen die Streicher wieder herrlich verhangen, ja hauchig, und das Finale hatte Größe, ohne dass Ringborg sich genötigt sah zu forcieren. Jubelartiger Beifall.
(Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 13.04.2009)
(Hersfelder Zeitung, 13.04.2009)
4. Sonntagskonzert, Staatsorchester Kassel, Staatstheater Kassel am 29.03.2009
Vorfreude auf die "Meistersinger"
Beim Sonntagskonzert mit Patrik Ringborg machte das Staatsorchester Werbung für Wagner und für sich selbst
Womöglich handelt es sich um den ältesten aktiven Fanclub der Welt: Der 1909 in Leipzig, Kassel und einigen anderen Städten gegründete Richard-Wagner-Verband war von Anfang an eine Herzensangelegenheit der Wagner-Verehrer. Er unterscheidet sich damit gründlich von den meist wissenschaftlich motivierten Gesellschaften, die anderen Komponisten gewidmet sind. Passenderweise wurde das 100-jährige Bestehen des Wagner-Verbandes nicht mit einer wissenschaftlichen Tagung, sondern musikalisch gefeiert. In einem Sonntagskonzert, das ganz der Musik Richard Wagners gewidmet war - als Geschenk des Kasseler Staatsorchesters an den Wagner-Verband. Und es wurde zu einer grandiosen Werbeveranstaltung - sowohl für den Komponisten als auch für Patrik Ringborg, sein Orchester sowie die beteiligten Chöre und Solisten.
Der dritte Akt der "Meistersinger von Nürnberg" beginnt verhalten. Nach der nächtlichen Prügelszene, mit der der zweite Akt endet, herrscht Nachdenklichkeit, ja Ratlosigkeit. Und nun beginnt das Vorspiel zum dritten Akt zunächst mit einem tastenden Cello-Unisono, zu dem die übrigen Streicher treten, bevor die Blechbläser verhalten einsetzen. Ein atmosphärisch schillerndes Stück Musik, das Patrik Ringborg und das Staatsorchester mit wunderbar feinem, dabei durch und durch belebtem Spiel angingen, sodass man schon jetzt aufs Höchste gespannt sein darf auf die Kasseler "Meistersinger"-Premiere im Februar 2010.
Wagners großvolumige Opernmusik mit kammermusikalischer Intensität und Detailformung zu verbinden, dafür steht Patrik Ringborg, und er vertritt damit eine hochmoderne Wagnersicht. Erfreuliches war auch von den Solisten zu hören: Bettina Jensen präsentierte sich in der Elsa-Arie "Einsam in trüben Tagen" und in der Hallen-Arie der Elisabeth aus dem "Tannhäuser" als Wagner-Sängerin mit großer stimmlicher Leuchtkraft. Schade, dass sie Kassel verlässt. Mario Klein, der mit viel Bassvolumen den "Wahn"-Monolog des Hans Sachs sang, würde man noch etwas mehr gesangliche Linie wünschen.
Herrlich dicht und farbig wurden auch die "Tannhäuser"-Ouvertüre und das anschließende Bacchanal musiziert. Der Opern- und Extrachor hatten ihre gelungenen Auftritte beim Brautchor aus "Lohengrin" und beim "Einzug der Gäste" aus "Tannhäuser". Diese grandiose Szene, in der Wagner Volkstümlichkeit und Feierlichkeit verbindet, entlockte dann auch am Ende nicht nur dem Fanclub im fast ausverkauften Opernhaus eine Salve von Bravos.
(Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 30.03.2009)
8. Classic Night, Staatsorchester Kassel, Königs-Galerie Kassel, 18.01.2009
Wohnsilos, verpackt in Musik
Die Schostakowitsch-Operette 'Tscherjomuschki' stand im Zentrum der Classic Night in der Königs-Galerie
Einmal im Jahr spielt das Staatsorchester ein etwas anderes Konzert. Dann strömt das Publikum in die Königs-Galerie zur "Classic Night" und blickt von den vier Etagen auf die befrackten Musiker im Basement. Ihre akustische Tauglichkeit hat die Königs-Galerie bereits in sieben Jahren bewiesen: Der sinfonische Sound füllt den Raum bis in die Glaskuppel - und die Stimmung ist entsprechend gut. So auch bei der achten Auflage der "Classic Night", natürlich wiederum vor vollem Haus. Ein bisschen erinnerte der Auftritt etwas an ein Neujahrskonzert - immerhin war es für Neujahrswünsche der Moderatorin Insa Pijanka noch nicht zu spät.
Aber auch die Walzer und Polkas von Josef Strauss (vom "Bepperl", wie er familienintern in der Strauss'schen Walzerdynastie genannt wurde) verströmten jene wienerische Atmosphäre, die man mit dem Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker verbindet. Tatsächlich ist Josef Strauss ein äusserst fantasievoller Komponist, wie etwa schon die harmonischen Windungen beim "Delirien-Walzer" zeigten. Patrik Ringborg erwies sich als Dirigent, der den wienerischen Verschrobenheiten einiges abgewinnen kann. Auch die "Plappermäulchen-Polka", die Strauss seiner kleinen Tochter widmete, wirkte wie aus dem prallen Leben gegriffen.
Eine reizvolle Entdeckung waren die vier Sätze aus Dmitri Schostakowitschs "Tscherjomuschki"-Suite, einem Arrangement aus der gleichnamigen Operette. Das satirische Lebensbild einer sowjetischen Stadt, eingefangen in den klassischen Formen Walzer, Polka-Galopp und Ballett erwies sich als geistreiche und unterhaltsame musikalische Szenenfolge.
Viel Beifall im großen Rund für die Darbietungen, zu denen auch Erich Korngolds Filmmusik "Sea Hawk" zählte - und heftiges Mitklatschen bei der Zugabe des Radetzky-Marschs.
(Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 19.01.2009)
5. Sinfoniekonzert, Philharmonie Neubrandenburg, Ernst-Barlach-Theater Güstrow am 09.01.2009
Perfektes Zusammenspiel
Mit zwei beliebten Werken der Musikliteratur startete das 5. Philharmonische Konzert in das Jahr. Bei dieser Gelegenheit stellte die Neubrandenburger Philharmonie erneut einen Gastdirigenten vor - den Schweden Patrik Ringborg, der sich als souveräner Leiter des Orchesters präsentierte. Das Programm begann mit dem Klarinettenkonzert A-Dur KV 622 von W.A. Mozart. ... Selbstverständlich trug die Neubrandenburger Philharmonie, in der Besetzung für Streicher, Flöten, Hörner und Fagotte, diese hervorragende Aufführung mit und bewies erneut, dass sie mit dem Idiom Mozarts Musik sehr vertraut ist. ...
Auf ähnlichem hohem Niveau setzte sich der Abend fort. Nach der Pause erklang die Sinfonie Nr. 4 Es-Dur ("Romantische") von Anton Bruckner. Im Gegensatz zur kammermusikalischen Atmosphäre des vorangegangenen Konzertes kam nun das sinfonische Orchester mit mächtigem Blechbläserapparat daher. Das Hornmotiv eröffnete die Sinfonie, dann erfasste eine klanggewaltige Woge das Publikum und nahm ihm immer wieder den Atem. Die Thematik erschien sehr assoziativ und programmatisch. In Anbetracht der Tatsache, dass das gesamte Werk in der Welt des Lohengrin lebt, betrachtet sich Bruckner als ein sinfonisch Suchender, der diese Welt musikalisch durchmisst.
Das Orchester hatte also weiträumige Gedankengänge zu erkunden und zu vermitteln, was Bruckner an geistvollem Gut vorgab. Die Vermischung aus aus lyrischen und dramatischen Klängen gelang sehr gut. Das Gespür für dynamische Entwicklungen, für krasse Gegensätze musste einfach begeistern. Keine eindimensionale Lesart störte den Charakter dieser Sinfonie, die Patrik Ringborg wie ein Philosoph behandelte. Er brachte alles auf den Punkt und die Musiker folgten ihm minutiös. Jede Geste seines Dirigats wurde verstanden und so umgesetzt.
(Güstrower Anzeiger, 13.01.2009)
5. Sinfoniekonzert, Philharmonie Neubrandenburg, Konzertkirche Neubrandenburg am 08.01.2009
Ein Zustand überirdischer stiller Freude
Die Philharmoniker entführen nach Mozarts Klarinettenkonzert mit Bruckners "Romantischer" in ein mehrgipfliges Klanggebirge
... Diese Tonart [A-Dur] entrücke einen "in einen Zustand der überirdischen, bei aller sinnlichen Seeligkeit spirituellen verklärten stillen Freude" (Aloys Greither). Wird sie sich durch den Solisten Martin Spangenberg und der Neubrandenburger Philharmonie unter der Leitung des schwedischen Gastdirigenten Patrik Ringborg am Donnerstag beim 5. Philharmonischen Konzert in der Konzertkirche entfalten können?
Und wie! Um die Intimität des Klarinettenkonzerts zu betonen, wird sowohl in kleiner Besetzung musiziert als auch auf äusserst sparsamen Vibratogebrauch geachtet. Leicht und locker aus dem Handgelenk die Einsätze gebend, fordert Patrik Ringborg die Musiker zu elegantem und federnden Spiel auf. Im gegenseitigen Miteinander und aufeinander Hören sind sie dem Solisten ein vorzüglicher Partner. Die Freude des Wettstreitens springt förmlich von den Saiten und den Klappen der - nachgebauten - Bassettklarinette. ... Wie ein schnurrender Kater hört sich an, was Spangenberg mit samtweichem Ansatz und warmem Ton dem Instrument an klanglicher Geschmeidigkeit zu entlocken versteht. Er kultiviert das Leise, die dynamischen Zwischentöne, entdeckt eine Fülle von liebevoll ausgeformten Details. Blitzschnell schaltet er von virtuos auf kantabel, von keck auf graziös, von schlicht auf schmerzlich. Körperliches Mitschwingen im Rhythmus der Musik unterstützt sein hinreißendes Ausdrucksstreben. Romanzenselig träumt und singt er das Adagio, tänzerisch beschwingt und opernszenisch deutet er das Finalrondo aus. Als Zugabe reicht er ein kurzweiliges, brillant geblasenes Strawinsky-Solo.
Nach der Pause entführt uns weihevolles Es-Dur in die Welt verhaltenen Ernstes, der Naturromantik und Jagdidylle. Und da hat Anton Bruckner in seiner 4. Sinfonie "Romantische" ganze Arbeit geleistet. Die Philharmoniker, nun in Großbesetzung auf dem Podium, brechen nach einleitendem Hornruf zu jener langen Wanderung ins mehrgipflige Klanggebirge auf, die sie auch über blühende Wiesenebenen, verwunschene Täler und auf saftige Almplateaus führt. Auch hier wieder ein kaum hör- und sichtbares Vibrato, was dem viersätzigen Opus erstaunliche Transparenz und einen sonnengleichen Klang verschafft. Es klingt, als würden Italiener Wagner singen: geschmeidig, belkantistisch, detailreich... Lustvoll wird das Jagdtreiben ausgebreitet, wandelt sich anderen Ortes Geheimnisvolles ins Grandiose, unterbleibt beim geballten Auftreten des schweren Blechs jeglicher Gebrauch von Brechstangen. ... Der blankgeputzte Bruckner fordert zu anhaltendem Beifall heraus.
(Nordkurier, 10.01.2009)
3. Sonntagskonzert (Neujahrskonzert), Staatsorchester Kassel, Staatstheater Kassel am 30.12.2008 und 01.01.2009
Reise mit Hörenswürdigkeiten
Patrik Ringborg dirigierte die spannenden Konzerte zum Jahreswechsel im Kasseler Opernhaus
Von Wien in die USA und nach Russland ging es am Dienstag und am Neujahrstag bei den vom Staatstheater Kassel veranstalteten Konzerten zum Jahreswechsel. Viele Hörenswürdigkeiten kannte der Reiseleiter. Da verdeutlichte er mit kompetentem Team die Dramatik in der Einleitung des "Delirien-Walzers". Oder ließ die reizende Polka mazur "Die Libelle" mit plastischen Geigen-Phrasierungen ausführen. Generalmusikdirektor Patrik Ringborg war am Pult des Staatsorchesters einmal mehr ein fein differenzierender Dirigent - und bestens aufgelegt.
In der ersten Hälfte gab es Wienerisches von Josef Strauss, teilweise mit Unterstützung von Effektinstrumenten wie Amboss oder Ratsche. Im zweiten Teil hatte die Musik bei allem Unterhaltungswert einen ernsten Hintergrund: Aaron Coplands "Fanfare for the Common Man" für Schlagwerk und Blechbläser stammt aus dem Kriegsjahr 1942. Dmitri Schostakowitsch hatte unter Stalin zu leiden gehabt. Kurt Weill und Erich Wolfgang Korngold hatten sich vor den Nazis ins amerikanische Exil gerettet.
Höchst dankbar für Orchester und Zuhörer die Suite aus Schostakowitschs Operette "Moskau-Tscherjomuschki". Die Musiker, darunter Konzertmeisterin Katalin Hercegh, Trompeter Frank Severin und Saxofonist Rolf Rasch, durften mit solistischen Aufgaben glänzen. Und das Publikum fieberte mit, weil die mit dem Trivialen spielenden Tanzsätze immer wieder einen Dreh ins Groteske und Gefährliche bekamen.
Von Korngold erklang die kantilenenreich schlingernde Filmmusik zu "Der Herr der sieben Meere", von Weill der Song "Westwind" mit dem Vokalsolisten Derrick Ballard. Der Bassbariton begeisterte im Zugabenblock dann noch mit virtuosem Parlando in Weills "Tchaikovsky and Other Russians" und dirigierte den Beginn des Radetzkymarsches, bevor der verschmitzte GMD den Taktstock übernahm.
Nach kräftigem Beifall folgte als dritte Zugabe am Dienstag im voll besetzten Kasseler Opernhaus die "Jockey Polka" von Josef Strauss.
(Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 01.01.2009)
2. Sinfoniekonzert - Bußtagskonzert, Staatsorchester Kassel, Stadthalle Kassel am 19.11.2008
Rund 230 Mitwirkende erlebt man nicht oft. Hinten auf der Bühne sind der Chor und - über weite Teile des Abends - die Sopransolistin platziert. Davor befinden sich, von zwei Dirigenten geleitet, das Orchester und rechts am Bühnenrand ein Kammerorchester, bei dem auch der Tenor- und der Baritonsolist stehen.... als Ringborg alle verfügbaren Kräfte aufbot und Benjamin Brittens "War Requiem" dirigierte. Eine fulminante Interpretation, die viele im gebannt zuhörenden Publikum und Ringborg selbst sichtbar bewegte. Schon Tage vorher war die Stadthalle ausgebucht...
(Das Orchester, 05.2009)
1. Sonntagskonzert, Staatsorchester Kassel, Staatstheater Kassel am 14.09.2008
Schweden kommen
Das erste Sonntagskonzert des Staatstheaters war Komponisten aus
Schweden vorbehalten, der Heimat von Chefdirigent Patrik Ringborg. ... Höhepunkt des Konzerts war die 3. Schwedische Rhapsodie von Hugo Alfvén, bei der sich Dirigent und Orchester in ihrem Element fühlten. Sanfte melancholische Passagen führen zur gewaltigen Steigerung in einer diabolischen Musik, ehe die Saxofonweise des Hirtenmädchens wieder alles zurechtrücken darf. Ringborg dirigierte höchst aufmerksam. Die Musiker machten aus dem wenig bekannten Stück ein schönes musikalisches Erlebnis.
(Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 16.09.2008)
Open-Airkonzert des Staatsorchesters Kassel, Karlswiese Kassel am 16.08.2008
Konzert-Knaller auf der KarlswieseDas hätte auch den hessischen Kurfürsten gefallen: Ein riesiges Feuerwerk illuminierte mit immer neuen Leuchtkaskaden den Himmel über der Kasseler Karlsaue. Dazu krachten Böller, Glocken läuteten - und es wurde die gewaltigste anti--napoleonische Musik gespielt, die je komponiert wurde: Tschaikowskys Ouvertüre "Das Jahr 1812", ein monumentales Schlachtengemälde, das den russischen Sieg über den französischen Eroberer Napoleon mit allem feiert, wozu Musik in der Lage ist.
Das Trommelfeuer für alle Sinne war der abschließende Höhepunkt eines grandiosen Sommer-Open-Air-Konzerts, das mehr als 15 000 Menschen in den landgräflichen Park gelockt hatte. Veranstaltet vom Kasseler Staatstheater, der HNA und den City-Kaufleuten, hatte der unterhaltsame Klassik-Abend mit tausenden picknickenden Menschen eine Atmosphäre wie bei den Hydepark-Proms in London oder auf der Berliner Waldbühne geboten.
Die Londoner Proms, Vorbild aller populären Klassikkonzerte, waren auch musikalisch gegenwärtig - mit Edward Elgars Marsch Nr. 1 aus "Pomp and Circumstance". Und nach einer von Moderator Götz Alsmann mehr gerappten als gesprochenen Textprobe konnte der Zuschauerchor auch die darin enthaltene Hymne "Land of Hope and Glory" mitsingen.
Götz Alsmann präsentierte sich nicht nur als blendend aufgelegter Conférencier, sondern drückte dem Operettenteil des Konzerts auch musikalisch seinen Stempel auf. Singend und Melodika spielend nahm er das Publikum "mit nach Varasdin". Nach dem Hit aus der "Gräfin Mariza" von Emmerich Kálmán packte Alsmann sein Banjo aus für den Batavia-Fox aus Eduard Künnekes "Vetter aus Dingsda". Höhepunkt des Götz-Alsmann-Specials war dann das umwerfend dargebotene "Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist" aus dem "Weißen Rössl".
Das Staatsorchester unter der Leitung von Patrik Ringborg legte sich auf der großen Freilichtbühne mächtig ins Zeug - und bei den "Sea Songs" von Sir Henry Wood (ebenfalls ein Proms-Klassiker) gingen zu "Tochter Zion" und "Rule Britannia" die Feuerzeuge und Leuchtstäbe an. Dass die Fest-Besucher auch noch das Schauspiel einer fast totalen Mondfinsternis genießen konnten, war eine spektakuläre Zugabe der Natur.
Nach dem Tschaikowsky-Spektakel samt Feuerwerk brach ein Riesenjubel los - und als Zugabe gab es neben der Polka "Unter Donner und Blitz" die hoffnungsvolle Zusage von Götz Alsmann: "Bis zum nächsten Jahr."
(Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 17.08.2008)
8. Sinfoniekonzert, Staatsorchester Kassel, Stadthalle Kassel am 16.06.2008
... Hier entfachte nähmlich Patrik Ringborg das Temperament und den Rhythmus (mitreißend die Schlagzeug-Gruppe in siebenfacher Besetzung) so richtig, mit dem alle Handlungsstränge und Motive noch einmal verbunden werden und die das Werk schließlich in einem imposanten Finale enden lassen.6. Sonntagskonzert (Wagner-Gala), Staatsorchester Kassel, Stadthalle Kassel am 04.05.2008
In den instrumentalen Rahmenstücken dieser Gala zum "Ring des Nibelungen", dem Walkürenritt, dem Waldweben aus "Siegfried" sowie Siegfrieds Rheinfahrt und dem Trauermarsch aus der "Götterdämmerung", präsentierte sich das Staatsorchester unter Patrik Ringborgs Leitung agil, reaktionsfreudig und mit teils spektakulären Klangwirkungen...Operngalas des Rundfunksinfonieorchesters Stockholm, Berwaldhallen am 02./03./04./05.04.2008
Ringborg leitet Energie in richtige Bahnen
Wäre die Nordgrenze des Bundeslandes Hessen die Ostsee gewesen, gäbe es wenigstens keine formalen Gründe, die gegen eine Einladung an das Staatstheater Kassel zum Östersjöfestival sprächen. Normalerweise erreichen ja die Opern die Berwaldhalle per Seeweg - und komplett, in einem Stück.
Aber verpackt als Schmuckstücke, als Perlen des Opernrepertoires oder losgerissene Szenen, hat es auch auf dem Landweg gut geklappt und besonders mit Patrik Ringborg am Pult, denn alles, was er anfasst, gibt Appetit auf mehr. Er ist Generalmusikdirektor an der Oper in Kassel. ...
Vor allem dank seines Einsatzes wurde wurde man bei der Überschrift "Heute Abend Oper" mit dem gleichen Glücksgefühl überströmt, wie nach einem von Sängerfreude erfüllten Opernabend, bei dem Sänger und Orchester ihr Bestes geben. ... Äußerst wenige Dirigenten - im Moment denke ich vor allem an Herbert Blomstedt und Myung-Whun Chung (und an Toscanini natürlich) - haben das Vermögen, ihre Energie in die Phrase hineinzuleiten und sie dort, wo sie am stärksten leuchtet, zu plazieren. Auch Patrik Ringborg hat es: warum er von allen gemocht wird, ist leicht zu verstehen. Hinter seinen großen Gesten und spontanen Tanzschritten ist eine tiefe Überzeugung vom Wesentlichen versteckt, die sowohl Sänger als auch Musiker dazu animiert, ihr Äußerstes zu geben.
(Svenska Dagbladet, 07.04.2008)
6. Sinfoniekonzert - Karfreitagskonzert, Staatsorchester Kassel, Stadthalle Kassel am 21.03.2008
Die tausend Farben des Feuers
Kein Wunder, dass sich gerade Komponisten, die neues Terrain eroberten, besonders mit der Figur des Prometheus auseinandersetzten. Zwei von ihnen, Beethoven und Skrjabin, standen im Zentrum des Karfreitagskonzerts des Kasseler Staatstheaters. Generalmusikdirektor Patrik Ringborg hatte als Motto Goethes "Bedecke deinen Himmel, Zeus" vorangestellt. Beethoven, der begeisterungsfähige Skeptiker, sah das prometheische Prinzip durchaus zwiespältig. Seiner "Eroica", ursprünglich dem Prometheus jener Zeit, Napoleon, gewidmet, lässt er nach dessen Niederlage mit der Siebten Sinfonie eine Jubel-Sinfonie auf die Napoleon-Bezwinger folgen.
Es war denn auch kein ekstatischer Jubel, den Ringborg und das Staatsorchester mit Beethovens Siebter verströmten. Eher ein Herantasten und Nachspüren von Farben und Rhythmen, denen im Schlusssatz dann freier Lauf gelassen wird. Trauermarschartig dunkel und etwas schwer begann der zweite Satz. Das rasende Scherzo blieb klar akzentuiert, stets durchhörbar und wurde nicht über die Spannungsgrenze hinausgetrieben. Auch das Finale blieb ein kontrollierter Rausch. Bei allem Voranstürmen blieb Zeit für Entdeckungen am Rande.
Mit einem eindrucksvollen Klaviersolo, Liszts "Funérailles" im abgedunkelten Saal, eröffnete Vladimir Stoupel den zweiten Konzertteil. Wunderbar, wie Stoupel fahle Akkordtürme, versonnene musikalische Gedanken und schwere Oktav-Kaskaden aufeinanderfolgen ließ - und damit den Boden bereitete für Alexanders Skrjabins "Promethée" oder "Le poème du feu". Ganz in Sinne Nietzsches ist bei Skrjabin das Schöpferische untrennbar mit dem Dionysisch-Rauschhaften verbunden. Eine Orgie der Klänge und Farben ist sein "Feuergedicht", eine grenzüberschreitende Musik, fast schon losgelöst von der Tonalität bis zum überraschend strahlenden Dur-Schluss.
Patrik Ringborg erwies sich als souveräner und feinfühliger Regisseur dieser hochdifferenzierten Partitur, die neben einem riesig besetzten Orchester auch einen ausschließlich syllabisch singenden Chor einschließt. Das Publikum in der ausverkauften Stadthalle feierte das grandiose sinfonische Gemälde...
(Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 24.03.2008)
(Hersfelder Zeitung, 24.03.2008)
4. Sonntagskonzert, Staatsorchester Kassel, Staatstheater Kassel 03.03.2008
Betörend fein
Wie unterschiedlich hat man Mozarts Musik beschrieben! Anmutig, spielerisch, vollendet einfach wurde sie genannt, dann aber auch dämonisch, tragisch und komplex. ... Solche Kontraste kann man glätten, doch das war erwartungsgemäß nicht das Ziel des Generalmusikdirektors Patrik Ringborg beim Sonntagskonzert im fast ausverkauften Opernhaus. Vehement leitete er den Stimmungswechsel im Andante con moto der Sinfonie Es-Dur KV 543 ein, die unruhige f-moll-Episode, hier mit dramatischen Hörnerakzenten versehen. Überhaupt war Mozarts unerschöpflicher Reichtum ein treffliches Objekt für den GMD, der stets ein hoch differenziertes Musizieren anstrebt und dessen gebärdenfreudiges Dirigieren das genaue Gegenteil nüchternen Taktschlagens darstellt, was quicklebendig, wenn auch manchmal riskant anmutet. Weitere schöne Details in der von ambivalenter Festlichkeit geprägten Sinfonie waren die luftig beschwingte Bewegung im Menuett und die von Ringborg geforderten anschwellenden Trompetentöne im Finale. ...
In kleiner Besetzung spielte das Staatsorchester das Divertimento F-Dur KV 138 - filigran, charmant und im Andante mit fein belebten Mittelstimmen und betörenden Dissonanzen.
(Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 03.03.2008)
7. Classic Night, Staatsorchester Kassel, Königs-Galerie Kassel, 03.02.2008
Sünden im Dreivierteltakt
Unmoralisch und der Gesundheit abträglich, wie bitte? Man glaubt es kaum, aber einst haben übellaunige Sittenwächter den Walzer auf diese Weise beschimpft. So gesehen war es sehr sündhaft, was die 900 Gäste geboten bekamen: "Rosen aus dem Süden" und "Accelerationen" von Johann Strauss Sohn und Karl Komzáks "Bad'ner Madeln", eine Huldigung an die feschen Mädchen des Kurorts Baden bei Wien. Kurzum, es war ein Fest des Dreivierteltakts in der Königs-Galerie, die bei der Classic Night erneut zum Konzertsaal mit aussergewöhnlicher Atmosphäre wurde.
Nun können Walzer bei aller Lässigkeit recht flott und einheitlich musiziert werden. Generalmusikdirektor Patrik Ringborg am Pult des Staatsorchesters Kassel gab durch sein gestenreiches Dirigieren eine andere Richtung vor. Von langsamen Tempi ausgehend, schwelgte er regelrecht in den Nuancen. Sanft schwebend, beschwingt hüpfend oder ausgelassen volkstümlich - von einem Augenblick auf den anderen wechselte die Musik ihren Charakter. Schwer zu sagen, ob man dazu hätte tanzen können. Aber das Zuhören war auf jeden Fall ein Vergnügen.
Überaus stimmungsvoll erklang das "Intermezzo aus 1001 Nacht" aus Strauss' "Indigo und die vierzig Räuber", und bei den Polkas gab es kleine Einlagen: In der (als zweite Zugabe wiederholten) Bauernpolka waren die Musiker auch als Chorsänger zu erleben. Erste Zugabe war übrigens der größte Hit von Strauss-Vater, der Radetzkymarsch, wie es sich gehört, mit Klatschen des Publikums.
Wo der Walzer ist, darf die Operette nicht fehlen. Die Gesangssolisten Kim Savelsbergh, János Ocsovai und Dieter Hönig ließen bei Schmankerln aus Franz Lehárs "Der Graf von Luxemburg" ihren Charme spielen. Das schadete der Gesundheit gewiss nicht. Denn wie sagte die fabulierlustige Moderatorin Insa Pijanka: "Operettenschmalz ist die einzige Fettart, die kein Cholesterin enthält."
(Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 04.02.2008)
Es funkelte also gewaltig in der Classic Night, in der die hervorragenden Musiker des Staatsorchesters Kassel unter der Leitung des neuen Generalmusikdirektors Patrik Ringborg die Königs-Galerie zum Konzertsaal mit außergewöhnlicher Atmosphäre verwandelten.
(Extra-Tip, 04.02.2008)
3. Sonntagskonzert (Neujahrskonzert), Staatsorchester Kassel, Staatstheater Kassel 30.12.2007 und 01.01.2008
Der Generalmusikdirektor tanzt
Vier Tänzer waren angekündigt, aber dann war noch einer mehr dabei: Generalmusikdirektor Patrik Ringborg. Mit vollem Körpereinsatz, sprungfreudig, mit manchmal geradezu verwegener Beinarbeit dirigierte er das Sonntagskonzert des Staatstheaters, bei dem es Walzer und Polkas von Johann Strauss und Tangos von Carlos Gardel und Astor Piazzolla gab. Die Besucher im voll besetzten Opernhaus konnten da nur den Schluss ziehen: Der Mann hat auch beträchtliche Stärken als Entertainer und einen gesunden Humor, was man nicht von jedem Maestro behaupten kann.
So blieb es bei diesem Konzert, das am Neujahrstag wiederholt wurde, nicht allein beim gestenreichen Dirigat, auch andere amüsante Einlagen folgten. Die Bauern-Polka etwa gestaltete das Staatsorchester instrumental wie singend. Den als Zugabe des Wiener Teils servierten Radetzkymarsch von Strauss Vater spielte es ohne Ringborgs Leitung, bis der aufs Podium stürmte, um noch das klatschende Publikum mit zu dirigieren.
In der Tango-Hälfte hatte der Generalmusikdirektor dann den Dirigenten-Frack abgelegt und das Haar nach hinten gegelt - ein wahrhaft feuriger Argentinier, auch wenn er aus Schweden kommt.
Show und Qualität
Nun sollte die Lust an der Show mit künstlerischer Qualität Hand in Hand gehen, und genau dies war hier der Fall. Als besonderes Gourmetstück unter den ausgefeilten Preziosen gefiel Johann Strauss' "Intermezzo aus 1001 Nacht", hier im sinfonischen Anspruch ausgelotet, mit ätherischen Geigenklängen und einem großen, drängenden Melodiebogen.
Bei den Tangos, bei Stücken wie "Oblivion" oder "Libertango", war der renommierte Gastsolist Lothar Hensel mit seinem Bandoneonspiel in die differenzierte Klangwelt eingebunden. Und für ihre getanzte Tango-Eleganz bekamen die Solisten des Tanztheaters, Elisabetta Lauro, Leyla Postalcioglu, Benjamin Block und César Augusto Cuenca Torres, extra viel Beifall.
Nach kräftigem Applaus für alle Beteiligten waren drei Zugaben fällig, Tangos von Gardel (2) und Piazzolla. Bei der letzten legte der charmant verschmitzte Ringborg mit Leyla Postalcioglu dann tatsächlich ein kleines Tänzchen hin.
(Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 01.01.2008)
(Hersfelder Zeitung, 01.01.2008)
2. Sinfoniekonzert - Bußtagskonzert, Staatsorchester Kassel, Stadthalle Kassel 21.11.2007
Wenn uns Musik berauscht
Einen schlimmeren Misserfolg als die Uraufführung von Arrigo Boïtos Oper "Mefistofele" im Jahr 1868 hat die Mailänder Scala selten erlebt. Zu grell und bombastisch, zu sehr nach Wagner und Berlioz klang dieses Werk. Und zu gewagt war es im katholischen Italien, die Wette des Teufels mit Gott um die Seele Fausts zum Opernthema zu machen.
Heute kann man am "Mefistofele" das Ringen Boïtos um einen neuen Opernstil bewundern. Man kann sich aber auch einfach der Klanggewalt, den fantastischen instrumentalen Farben und den eindringlichen Chorgesängen hingeben.
Beste Gelegenheit dazu bot das Bußtagskonzert des Kasseler Staatsorchesters unter der Leitung von Patrik Ringborg in der Kasseler Stadthalle. 1350 Zuhörer erlebten bei der konzertanten Aufführung des Prologs der Oper, der Wette des Satans mit Gott, welchen Klangrausch der damals 26-jährige Komponist inszenierte.
Der Bass Derrick Ballard in der Titelrolle gegen die vereinte Vokalmacht der "himmlischen Heerscharen" von Opern- und Extrachor, Kasseler Konzertchor und dem Kinderchor Cantamus, begleitet von einem Riesenorchester mit Fernbläsern auf der Empore - diese Vokalsinfonie hatte auch etwas von einem Spektakel. Feine Schattierungen von Holzbläsern und Harfe wechseln mit gewaltigen Steigerungstableaus, in denen sich die Musik über Sequenzenketten zu immer neuen Höhepunkten schraubt. Ringborg führte diese Elemente zu einem überwältigenden Klangerlebnis zusammen.
Konzentrierter in den Mitteln, aber nicht weniger wirkungsvoll, fasst Peter I. Tschaikowsky in seiner vierten Sinfonie die Kämpfe seines eigenen Lebens in Musik. Dass mit Patrik Ringborg in Kassel ein neuer Stil Einzug gehalten hat, wurde in dieser (heftig umjubelten) Sinfonie besonders deutlich.
Die schattenhaften Visionen im wiegenden 9/8-Takt im ersten Satz waren betörend fein gestaltet. Ebenso der flüchtige dritte Satz im Wechsel zwischen Streicher-Pizzicati und Holzbläser-Akzenten. Umso plastischer traten die großen Steigerungslinien im ersten Satz und im Finale hervor. Ringborg vermied auch dabei jede Verfestigung und hielt die Musik stets im flüssigen Aggregatzustand. Eine wohltuende Alternative zur vorherrschenden brachialen Tschaikowsky-Praxis.
(Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 23.11.2007)
(Hersfelder Zeitung, 23.11.2007)
Operngala, Staatsorchester Kassel, Staatstheater Kassel 16.11.2007
Ein Fest der schönen Stimmen. Fabio Armiliato und Nicole Chevalier waren die Stars bei der italienischen Gala im Kasseler Opernhaus.
Nein, ein Auftritt im Frack mit weißem Seidentuch in der Hand, wie ihn Pavarotti pflegte, ist nicht Fabio Armiliatos Stil. Mit offenem Hemd, Goldkette und langen Locken trat er in der Pose eines Latin Lovers auf die Kasseler Opernbühne: Kam da etwa ein Schmusesänger? Mitnichten. Der Star der Operngala "Verissimo", der in der New Yorker Met ebenso gefeiert wird wie an der Scala und dessen Verpflichtung die Landesbank Hessen-Thüringen möglich gemacht hatte, glänzte stattdessen mit den wahren Tugenden eines italienischen Tenors: baritonales Timbre, brillante Höhe, Pathos...
Kraftvolle Dramatik in der Arie des Titelhelden "Un di all'azzurro spazio" aus Giordanos "Andrea Chénier", der hoch expressive Monolog "Dio, mi potevi scaliar" aus Verdis Otello, das mit wunderbarem Schmelz gesungene "E lucevan le stelle" aus Puccinis "Tosca", jedes Mal steigerte sich der Beifall, bis endlich nach dem mit herrlicher Strahlkraft gesungenen "Nessun dorma", dem Tenorhit aus Puccinis "Turandot", sich jubelnde Begeisterung Bahn brach. Tatsächlich ist ein italienischer Tenorglanz, wie Armiliato ihn verströmte, im Kasseler Opernhaus sehr selten zu erleben - und wohl auch nur im Rahmen einer Gala zu ermöglichen.
Doch die von Operndirektorin Cornelia Preißinger moderierte Reise durch die Welt der italienischen Oper war keineswegs eine One-Man-Show. Im Gegenteil: Mit der neu ins Kasseler Ensemble gekommenen Sopranistin Nicole Chevalier stellte sich dem Kasseler Publikum eine Sängerin mit Star-Potenzial vor - und wurde nicht weniger gefeiert als Armiliato. Mit wunderbar farbenreichem Timbre, dramatischer Kraft und einem blitzblanken hohen D begeisterte Nicole Chevalier in der Cavatine "Regnava nel silencio - Quando rapito in estasi" aus "Lucia die Lammermoor" von Donizetti - und weckte den Wunsch nach einer szenischen Version dieser Belcanto-Oper.
Überhaupt präsentierte sich das Kasseler Ensemble von seiner besten Seite: Der Bass Mario Klein sang die Arie des Filippo "Ella giammai m'amò" aus Verdis Don Carlos mit finsterer Kraft, und der Bariton Stefan Adam versah die Arie des Gérard "Nemico della patria" aus "Andrea Chénier" mit grandioser stimmlicher Wucht.
Aus Mascagnis "Cavalleria rusticana" gab's gleich mehrere Ausschnitte. Monika Walerowicz (Santuzza) und Lona Culmer-Schellbach (Lucia) machten den Osterchor zur anrührenden Szene, Doris Neidig war als Lola in "A casa" Duett-Partnerin Armiliatos als Turiddu. Exquisit gestaltete auch der Opern- und Extrachor den Chorhit "Va pensiero" aus Verdis "Nabucco".
Generalmusikdirektor Patrik Ringborg steuerte das musikalische Geschehen mit ebenso viel Temperament wie Diskretion - nicht eben selbstverständlich bei einer solchen Best-of-Gala. Die Standing Ovations wollten nicht enden, und deshalb gab es das Trinklied "Libiamo, ne lieti calici" (Brindisi) aus Verdis "La traviata", gesungen von den Stars des Abends, Fabio Armiliato und Nicole Chevalier, gleich zweimal als Zugabe.
(Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 18.11.2007)
1. Sonntagskonzert, Staatsorchester Kassel, Staatstheater Kassel 28.10.2007
Patrik Ringborg und das Orchester verstanden sich blendend mit dem Pianisten. Mit Griegs "Zug der Trolle" aus den "Lyrischen Stücken" bedankte sich Håvard Gimse für den Beifall. ... Von dem schwedischen Romantiker August Söderman gab es eine fetzige Ouvertüre zur Schauspielmusik zu "Die Jungfrau von Orléans". Und Carl Nielsen, Dänemarks bekanntester Komponist, hat eine "Aladdin-Suite" komponiert, die nicht nur in das Arabien der Schéhérazade, sondern auch nach Persien (mit kleinem Chor), Indien, China und nach Afrika führt. Eine höchst unterhaltsame Weltreise war das, funklend vom Kasseler Orchester dargeboten.
Dann doch noch das Schweden der Mittsommernacht. Die erste "Schwedische Rhapsodie" von Hugo Alfvén zeichnet in kurzer Zeit das beliebteste Fest der Schweden nach. Tanz und Schnaps, Zank und Melancholie, alles ist da in der kleinen Satzfolge und war dank einiger erläuternder Worte des Dirigenten einfach nachzuvollziehen. Das Orchester, hier besonders die Violinen, hatte trotz der heiteren Materie eine mitunter ziemlich komplizierte Aufgabe. Generalmusikdirektor Ringborg verstand es, die Musiker zusammenzhalten und das hübsche Werk bestens zu präsentieren...
(Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 30.10.2007)
1. Sinfoniekonzert, Staatsorchester Kassel, Stadthalle Kassel 08.10.2007
Was Gustav Mahler um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert mit seiner dritten Sinfonie versucht hat, konnte eigentlich nur scheitern: die ganze Welt musikalisch einfangen. Die Weltformel gibt es auch in der Musik nicht. Doch Mahler hat dies nicht verschleiert und übertönt, sondern das Fragmentarische und Brüchige in seine Musik hineingenommen. Und er hat ihr auch ein befreiendes Lachen eingeschrieben.
Wenn der neue Kasseler Generalmusikdirektor Patrik Ringborg am Ende seines ersten Kasseler Sinfoniekonzerts mit Bravos und Fußgetrappel gefeiert wurde, dann deshalb, weil er in einem sehr besonderen Konzert sowohl die Größe von Mahlers Dritter als auch ihre Fragilität vorgeführt hat. Klarer hätte der Mentalitätswechsel an der Spitze des Kasseler Orchesters nicht werden können als beim Vergleich von Roberto Paternostros Abschiedskonzert mit Mahlers Zweiter und nun Ringborgs Einstand mit der Dritten.
Während Paternostro einen kompakten, mitunter etwas gleichförmigen Klang pflegte und vor allem die großen Linien zog, riskiert Ringborg deutlich mehr. Zum Beispiel im monumentalen Eingangssatz. Da kommt der Hörnergesang mit großer Geste daher, um dann von fahlen Motiven der Flöten und der Solovioline infrage gestellt zu werden.
Das Stockende, Suchende dieses mit "Pan erwacht" überschriebenen Satzes wird ereignishaft deutlich. Und aus dieser im Werden begriffenen musikalischen Materie kann dann das große Posaunenthema umso strahlender hervortreten (bravourös geblasen vom Soloposaunisten Christoph Baader).
Klangliche Arbeit als Mittel der Verdeutlichung: Im zweiten Satz ("Was mir die Blumen auf der Wiese erzählen") wird das Unwirkliche dieses Menuetts schon in der verhalten einsetzenden Oboe deutlich, impressionistisch verschleiert ziehen die Streicherepisoden vorüber. Die Ausweitung ins Bizarre und ein Schluss mit himbeersüßen Streichern - so zeigt Mahler sein verzweifeltes Lächeln.
Nicht alles gelingt an diesem Abend. Im dritten Satz ("Was mir die Tiere im Walde erzählen") ist das von aussen eingespielte Posthornsolo (Frank Severin am Flügelhorn) zu leise, die Synchronisation mit dem Orchester hakt etwas.
Dann aber singt Alexandra Petersamer im vierten Satz ("Was mir der Mensch erzählt") Friedrich Nietzsches "Mitternachtslied" volltönend und mit schlichter Eindringlichkeit. Und im Chorsatz "Was mir die Engel erzählen" kommen die Solistin, die Frauenstimmen des Opern-, Extrachores und des Kasseler Konzertchores sowie der Kinderchor zu einem fein gestalteten heiligen "Bimbam" zusammen, aus dem neben einer Portion Ironie auch Andacht spricht.
Höhepunkt dieser Dritten ist jedoch der langsame Schlusssatz ("Was mir die Liebe erzählt"), den Ringborg allerdings in fließender Bewegung angeht. Leicht legt er die Streicherklänge in Schichten übereinander. Die großen Steigerungsstrecken sind dynamisch fein gestaffelt und von beispielhafter Intensität.
Am Ende ist Mahlers Welt also doch rund, und das Publikum in der ausverkauften Stadthalle huldigt dem Dirigenten und den Musikern.
(Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 10.10.2007)
(Hersfelder Zeitung, 10.10.2007)
... Mit seiner dritten Symphonie, die der neue Kasseler Generalmusikdirektor Patrik Ringborg am Montag in der Kasseler Stadthalle aufführte, wollte der Komponist nach eigenem Bekunden "mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt aufbauen". Ein ungewöhnlich hoher Anspruch ist dies - und für jemanden, der diese gewaltige, überbordende, aber immer formal streng gefasste Musik noch nicht kennt, kaum vorstellbar. ...
Das entsprechend groß besetzte Werk mit gewaltigem Bläseraufgebot, entsprechend viele Streichern, zwei Harfen sowie Alt-Solo, einem Frauen- und einem Kinderchor, ist eine Herausforderung für den Dirigenten: Es gilt, die Klangmassen zu beherrschen, sie trotz ihrer Massivität transparent zu gestalten, die vielfältige Palette auch ungewöhnlichster Klangfarben adäquat darzustellen. Und es gehört eine visionäre Kraft dazu, einen gut anderthalbstündigen symphonischen Abend dramaturgisch so im Griff zu haben, dass sich die großen Spannungsbögen sich bruchlos aufbauen können. Die Musik muss Gelegenheit zu drängendem Vorwärtsstürmen, zu dramatischem Aufbäumen erhalten, ebenso Zeit zum Atmen, zum Ausschwingen.
Dafür bewies Ringborg an diesem großartigen Abend ein hoch entwickeltes Gespür. Die selbstbewusst auftrumpfenden Themen im ersten Satz hatten Größe und Feuer, die Naturlaute im zweiten und dritten Satz waren bis ins feinste Detail klanglich durchleuchtet, hatten Anmut und Elastizität. War schon in diesen Partien die dynamische Spannweite eindrucksvoll groß, so geriet der vierte Satz zu einer berückenden Studie in dreifachen Pianissimo: Auch in den fast unhörbar leisen Tönen blieb die Spannung erhalten.
Wunderschön das Altsolo von Alexandra Petersamer, ganz entspannt, rund, warm und weit tragend im Ton, klug durchdacht in der Gestaltung - und nie überdeckt vom Orchester, dessen Klang von Ringborg ausserordentlich präzise dosiert wurde. Das gilt gleichermaßen für den vorletzten Satz mit Kinder- und Frauenchor, perfekt abgestimmt im Verhältnis zwischen Vokal- und Instrumentalstimmen. Die finale Rundung dieser Symphonie in ihrem ruhevollen letzen Satz gestaltete Ringborg mit weit schwingenden, von der Erde bis fast in den Himmel reichenden Klängen.
Das Kasseler Staatsorchester war sich der Größe seiner Aufgabe bewusst - sein Qualitätsprofil reicht von dem fast durchweg sehr präzisen Tuttispiel bis hin zu zahlreichen hervorragenden solistischen Leistungen. Ebenso gründlich waren die Chöre - Opern- und Extrachor des Staatstheaters, Kasseler Konzertchor und Kinderchor "Cantamus" - vorbereitet. Die Standing Ovations am Ende waren hoch verdient.
(Göttinger Tageblatt, 25.09.2007)
... in spürbarer Absetzung vom Vorgänger. Was auch für das erste "richtige" Symphoniekonzert galt. Die Karten reichten nicht für alle Musikfreunde, die in der Stadthalle bei der Aufführung von Mahlers 3. Symphonie dabei sein wollten.
Das Orchester ließ sich zu einer aussergewöhnlichen Leistung animieren. Sehr detailgenau hatte Ringborg das Ereignis in nur vier Proben vorbereitet und eine hörenswerte Interpretation herausgearbeitet, die die Vielschichtigkeit der Mahler'schen Musik intelligent zur Geltung kommen ließ. Der Abend wurde zu einem Triumph. Einen besseren Einstand hätten sich Kassel und der Neue nicht wünschen können.
(Badische Zeitung, 30.10.2007)
Eröffnungskonzert, Staatsorchester Kassel, Staatstheater Kassel 23.09.2007
Schön, wenn eine Ära so beginnt wie die von Kassels neuem Generalmusikdirektor Patrik Ringborg. Immerhin müssen es der Dirigent und seine Zuhörer in den kommenden fünf Jahren noch weitere 90 Konzerte zusammen aushalten, wie Ringborg bei seiner Publikumsansprache scherzhaft anmerkte.
Das dürfte allerdings nicht schwerfallen, wenn die weiteren Auftritte ebenso farbig und musikalisch ertragreich werden wie der französische Konzertabend, mit dem der schwedische Dirigent die Spielzeit am Staatstheater musikalisch eröffnete.
Neue Töne wurden in mehrfacher Hinsicht angeschlagen. Zum einen hat Ringborg mit Musik von Saint-Saëns über Offenbach bis Ravel ein musikalisches Feld betreten, das unter seinem Vorgänger Roberto Paternostro nur wenig beackert wurde. Gleichzeitig sorgte er für eine gelungene Einstimmung auf die Premiere der Oper "Hoffmanns Erzählungen" von Jacques Offenbach.
Die klangliche Raffinesse französischer Musik war auch besonders geeignet, die Vorzüge der neuen Konzertmuschel im Opernhaus hörbar zu machen, die mit diesem Konzert eingeweiht wurde. Tatsächlich macht die 250 000 Euro teure Wand- und Decken-Konstruktion den Orchesterklang im Kasseler Opernhaus wesentlich transparenter und homogener. Eigentlich ein neu gewonnener Konzertraum, den sich das Staatsorchester mit fünf Zusatzkonzerten zu einem erheblichen Teil selbst finanziert.
Wunderbar klar und seidig klang das Adagietto aus Bizets Arlesienne-Suite I, das Ringborg als ein kleines Pianissimo-Wunder zelebrierte. Und äusserst fein mischten sich die Streicher- und Bläserfarben in Ravels "Pavane pour une Infante défunte" (Horn: Joachim Pfannschmidt).
Ringborg gab darüber hinaus seinem Konzertmeister und dem Solotrompeter Gelegenheit, solistisch zu glänzen. Frank Severin blies den Kornett-Part in Offenbachs "American Eagle Waltz" mit Bravour. Und Konzertmeister Razvan Hamza stellte seine geigerische Brillanz zweimal unter Beweis: Tonlich edel in der "Havanaise" von Saint-Saëns und entfesselt artistisch in Ravels "Tzigane". Vokalen Glanz steuerte Bariton Stefan Adam mit der "Vision fugitive" aus Massenets "Hérodiade" bei.
Mit einem kalkulierten Orchesterrausch, Ravels "La Valse", endete das Programm. Eine klangliche Delikatesse, von Ringborg mitreissend dirigiert und dabei wunderbar klar und präzise geformt. Unter dem Jubel des Publikums, darunter die schwedische Botschafterin Ruth Jacoby und Hessens Kunstminister Udo Corts, gab's als Zugaben Saties "Gymnopédie" und Offenbachs "Schüler-Polka".
(Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 24.09.2007)
(Hersfelder Zeitung, 24.09.2007)
Kassel hat nicht nur eine neue Spielzeit am Staatstheater, sondern auch einen neuen Generalmusikdirektor, den Schweden Patrik Ringborg, und eine neue Konzertmuschel im Opernhaus. Die beiden letzteren präsentierten sich erstmals am Freitag im Auftaktkonzert zur Spielzeiteröffnung.
Eine neue Ära startet am Staatstheater Kassel. Mit der Wahl des jungen schedischen Dirigenten Patrik Ringborg - zuletzt Chefdirigent in Freiburg, davor in Essen sowie Gastdirigent in Weimar, Dresden, an der Deutschen Oper Berlin und in Göteborg, wo er acht Jahre lang sämtliche Wagner-Produktionen leitete - wurde ein Generationswechsel am traditionsreichen Kasseler Hause vollzogen.
Spielerisch und heiter legte er das Programm des Auftaktskonzerts zur Spielzeiteröffnung an: Französische Musik des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts stand auf dem Programm, von Saint-Saëns über Massenet bis zu Ravel. Dabei hatte die neue Konzertmuschel im Opernhaus ihre erste Bewährungsprobe, die sie glänzend bestand. Der Klang verliert sich nicht irgendwo im Schnürboden, sondern wird sehr direkt und transparent in den Saal gelenkt.
250 000 Euro hat diese Einrichtung gekostet, zehn Prozent davon hat der Kasseler Verein "Pro A" aufgebracht, der sich für die weitere Einstufung des Orchesters in dieser Tarifklasse stark macht. Und auch das Orchester selbst trägt zur Finanzierung bei: Es wird in den kommenden fünf Jahren pro Saison ein Extrakonzert geben, dessen Ertrag in die Finanzierung eingeht. Udo Corts, Hessens Minister für Wissenschaft und Kunst, lobt ausdrücklich dieses beispielhafte Engagement von Bürgern und Musikern.
Schön, dass Ringborg die Solopartien des Abends ausschließlich mit Kräften des Hauses bestritt. Konzertmeister Razvan Hamza bezauberte mit virtuosem, ausdrucksstarkem Spiel in Saint-Saëns' "Havanaise" und Ravels "Tzigane". Seinen voluminösen, mühelos den Saal füllenden Bariton ließ Stefan Adam in Massenets "Vision fugitive" hören. Zungenfertigkeit bewies Trompeter Frank Severin in Offenbachs "American Eagle Waltz", Zärtlichkeit und Anmut Hornist Joachim Pfannschmidt in Ravels "Pavane pur une Infante défunte".
Das Tutti steuerte mit dem orientalischen Flair im Bacchanale aus "Samson et Délila" von Saint-Saëns, der elegant-spritzigen Ouvertüre zu "La vie parisienne" von Offenbach und vor allen mit dem betörenden Klangzauber von Ravels Tondichtung "La Valse". Ringborg konnte viel Temperament zeigen, spannungsreiche Steigerungen, zielsicher gesetzte Akzente. Er dirigiert gern mit großer Geste, seine Körpersprache ist ungemein lebendig und bisweilen geradezu sportlich. Viel Applaus, zwei Zugaben: Eine Gymnopédie von Satie und eine Offenbach-Polka.
(Göttinger Tageblatt, 25.09.2007)
Die Freiburger haben ihn nicht gern ziehen lassen. Doch Patrik Ringborg, in der lezten Spielzeit Interims-GMD am Theater Freiburg, ging in den Norden. Nicht gleich in seine schwedische Heimat, doch ein gutes Stück des Wegs dorthin, nach Kassel, an das dortige Staatstheater. ... In den wenigen Wochen, die er in Kassel arbeitet, hat er bereits viel angestoßen. Das Kasseler Publikum, das manchmal etwas länger braucht, um warm zu werden, hat Ringborg einen überaus freundlichen Empfang bereitet. Der erste Auftritt war noch ausser Konkurrenz. Die neue "Konzertmuschel" im Opernhaus, die Akustik und Optik verbessern soll, wurde eingeweiht. Geschickt, wie Ringborg in einem französisch-symphonischen Abend einzelne Musiker aus dem Orchester Soloaufgaben übernehmen ließ.
(Badische Zeitung, 30.10.2007)
In einem französischen Konzertabend mit kurzweiliger Programmfolge von Saint-Saëns über Massenet, Bizet und Offenbach bis zu Ravel stellte Generalmusikdirektor Patrik Ringborg sich erstmals als Dirigent vor. Einige Musiker aus dem Orchester (Razvan Hamza, Violine; Frank Severin, Kornett und Joachim Pfannschmidt, Horn) übernahmen Soloaufgaben. Das bejubelte Konzert war gleichzeitig Premiere für die neue Konzertmöblierung im Opernhaus. Durch die drei großen transportablen Wänden nebst illuminierter Abdeckung soll die Akustik verbessert werden. (Kulturmagazin,11.2007)
8. Sinfoniekonzert, Philharmonisches Orchester Freiburg, Konzerthaus Freiburg 16./17.07.2007
Abschied von einem Romantiker
Patrik Ringborg und das Philharmonische Orchester Freiburg mit Gustav Mahlers monumentaler dritten Sinfonie
Ist Gustav Mahler ein Zeitgemäßer? Der frenetische Applaus, der der Interpretation seiner dritten Sinfonie durch das Philharmonische Orchester Freiburg und seinen scheidenden Chefdirigenten Patrik Ringborg im Konzerthaus folgte, lässt eigentlich nur eine Antwort zu: ja, ja, ja. Was aber fasziniert ein Publikum am Rande von Cyberspace und drohenden Katastrophenszenarios so an einer Musik, in der Banalität, Sentiment, Kitsch über alle Formprinzipien zu dominieren scheinen? Vielleicht ist es die Lust am Untergang. So wie Mahler den Nerv seiner Epoche traf, so charakteristisch scheint er auch für die Gegenwart mit all ihren Insignien der Dekadenz zu sein. Dass die Musik sich selbst reflektiert, etwa dass die Geigen nach dem Posthornsolo im dritten Satz "den Kopf schütteln", wie Adorno gesagt hat - muss man dessen unbedingt gleich gewahr werden? Sehr oft ist es bei Mahler so, dass man instinktiv spürt, dass sich hier an einer Zeitenwende etwas ganz Großes ereignet.
Abschied zum Beispiel, Abschied in Schubertischem Weltschmerz. So gesehen ist das ergreifende Klagen der Streicher aus einem choleraartigen Thema heraus auch die passende Abschiedsmusik für Patrik Ringborg. Und man spürt, dass das Orchester diese für seinen Chef spielt, gerade so, als wollte es dessen spürbare Affinität zur Romantik noch einmal unterstreichen. Ja, gerade dieser letzte, hymnische Satz mit seinen Steigerungsbögen - und Krisen - ist die Trauermusik zu einer Epoche, von der Mahler sich schon mehr gelöst hatte, als man es vordergründig wahrzunehmen glaubt. Ringborg entlockt gerade den Violinen jenen innig wienerischen Klang, bei dem Weinen und Lachen ganz, ganz nah zusammenliegen; die zahlreichen Soli von Konzertmeisterin Ildiko Moog-Ban krönen diese Leistung.
Bemerkenswert sind ohnedies die Soli, von der Soloposaune über das Flügel- bis zum Solohorn. Die gesamte Horngruppe leistet Ausserordentliches, Ähnliches gilt für die Holzbläser, die nur im letzten Satz kurz vor der Zielgerade mit Stimmungsproblemen zu kämpfen haben. Natürlich stellt ein gut 90 Minuten währendes sinfonisches Opus gewaltige Anforderungen an die Kondition, und mitunter gibt es Grenzen bei der rhythmischen Perfektion, doch schmälert das nicht den Gesamteindruck. Patrik Ringborg taucht tief ein in die monumentale Partitur und nimmt Mahlers "Regieanweisungen" von "lustig" bis "grob" ganz wörtlich. Auf die Drastik von dessen trockenem, zuweilen kindischem Humor versteht er sich ebenso wie auf jenen musikalischen Erlösungskosmos Wagners, den Mahler seiner Auflösung entgegenführt.
Schließlich: Die Damen des Freiburger Kammerchors, des Opernchors und auch der Kinderchor des Theaters agieren in beispielhafter Homogenität und Natürlichkeit. Und Anja Jung interpretiert Nietzsches "O Mensch"-Gedicht frei von künstlicher Attitüde, aber mit bemerkenswert expressivem Alt. Ein großer Abend. Aber leider ein Abschied - frei nach Gustav Mahlers "Programm" zu seiner Dritten: "Was uns Patrik Ringborg erzählte". Dessen Zukunft liegt vermutlich nicht nur in Kassel.
(Badische Zeitung, 18.07.2007)
5. Sinfoniekonzert, Philharmonisches Orchester Freiburg, Konzerthaus Freiburg 19./20.03.2007
Seen, in denen die Seele zittert
Wie hervorragend er das Orchester in Schuss hat, bewies Freiburgs Chefdirigent Patrik Ringborg zudem bei César Francks herrlicher d-Moll-Sinfonie. Hier, wie auch bei Richard Wagners "Parsifal"-Vorspiel und Karfreitagszauber geriet die Wiedergabe zur Lehrstunde im Fach Expressivität. Was bei Franck der von Ringborg mit viel Sinn für Dramaturgie nachgestaltete (Groß-)Aufbau war, zeigte sich bei den Kostproben aus Wagners Bühnenweihfestspiel fast noch mehr im Detail: in der ausdrucksvoll aufgeladenen kleinen Sinneinheit. Bei Franck der Wechsel von Lyrik (ein Genuss: das Englischhorn) und Wucht, Kanon inklusive. Ein Schwelgen im Wohlklang. Überhaupt war es ein Abend mit Musik, die stark auf Klang setzt. ... Und der feierliche, heiße, geradezu glühende Wagner-Appetizer machte Lust auf mehr - auf den kompletten "Parsifal".
Doch: Nach der bravourösen "Elektra" und diesem Sinfoniekonzert wächst die Verärgerung darüber, dass dieser Dirigent nicht in Freiburg zu halten war. Für die Verantwortlichen in einer Musikstadt kein Ruhmesblatt!
(Badische Zeitung, 21.03.2007)
Münsterkonzert, Honegger: Le Roi David, Philharmonisches Orchester Freiburg, Freiburger Münster 03.03.2007
Oratorium - dreidimensional
Der Musikchef des Freiburger Theaters arbeitet in dieser Gemeinschaftsproduktion von Theater und Domkapelle die "Dreidimensionalität" dieses das Leben des biblischen Königs David beschreibenden Werkes mustergültig heraus und schärft die Konturen auch dort, wo der Nachhall der gotischen Kathedrale normalerweise eher das Gegenteil bewirkt. Es ist dieser Feinschliff nicht zuletzt auch der Umsetzung durch das Philharmonische Orchester zu verdanken, das Honeggers vielschichtigen Klang zwischen Impressionismus, Expressionismus und vor allem einer tief erfüllten Religiosität fokussiert. Besonders die Bläser, denen der Komponist eine der zentralen Funktionen in seiner Instrumentierung zugedacht hat, erweisen sich als hinreißend ausdrucksstark und entwerfen in den Fanfaren, Märschen und deskriptiven Musiken beeindruckend stimmige Bilder. Bemerkenswert aber auch, wie empfindsam, fast skrupulös das Orchester Honeggers Klangelysien, etwa bei den beiden Engelsverkündigungen, agiert.
(Badische Zeitung, 05.03.2007)
1. Sinfoniekonzert, Philharmonisches Orchester Freiburg, Konzerthaus Freiburg 16./17.10.2006
Zwei, die gut harmonieren
Philharmoniker-Konzertdebüt
Wollte man in die Antrittsprogramme neuer Chefdirigenten so etwas wie eine musikalische Visitenkarte hineininterpretieren, dann dürfte man Patrik Ringborg eine starke Affinität zur monumentalen Symphonik des 19. Jahrhunderts attestieren. Wer einen Konzertabend mit Arrigo Boitos "Prolog im Himmel" aus dessen - selten gespielter - "Faust"-Oper "Mefistofele" und Tschaikowskys nicht minder wirkungsvollen Vierten Sinfonie bestreitet, baut auf die Kraft suggestiver Harmonik und Instrumentation. Und hat Vertrauen in die subjektiven Ausdrucksfähigkeiten seines Orchesters.
Nun kennen sich der schwedische Dirigent und das Philharmonische Orchester Freiburg noch nicht so lange, als dass ein solches Programm nicht auch ein Wagnis darstellte. Die sensible Rhythmik mit all den Synkopen im ersten Satz von Tschaikowskys schwieriger Vierten ist nur ein Beispiel für die Detailproblematik einer oberflächlich oftmals vielleicht als dröhnend empfundenen Musik. Und hier ist das Ergebnis überaus viel versprechend beim ersten Philharmonischen Konzert der Saison in einem wieder einmal sehr erfreulich besuchten Konzerthaus. Denn da sind - wie schon beim "Rheingold" vor zehn Tagen - zwei zu erleben, die auf Anhieb gut zusammenpassen, bei denen offenbar die Chemie stimmt: ein Dirigent und ein Orchester, das sich unter dessen präziser Führung gerne anspornen lässt.
Ringborg und die Philharmoniker mögen sich. Das spürt man an der Art des gegenseitigen Aufeinander-Eingehens, des sorgfältigen Musizierens, das von einer fruchtbaren Probenarbeit kündet. So zeichnet sich die Interpretation dieser Vierten von Anbeginn an durch ein sehr klares, durchsichtiges Spiel aus, mit dem aber keineswegs ein gläserner Klang einher geht. Ganz im Gegenteil, das Orchester klingt füllig, substanzreich, aber selbst in den Extremen nie nur laut und scharf. Da zeichnet sich eine romantische Klangkultur ab, wie sie expressiver und, um einen romantischen Topos zu zitieren, universaler nicht sein könnte. Dazu gehören auch die zahlreichen solistischen Leistungen bei den Holzbläsern, ein uniformer Hörnerklang wie schon lange nicht mehr sowie der ungemein schöne, leuchtende Ton besonders der hohen Streicher. Deren Pizzicati mit den wundervollen Abdunklungen ins Pianissimo im dritten Satz sind ein echtes Kabinettstückchen.
Noch monumentaler klingt's bei Boito. Man kann darüber streiten, ob diese romantisch-italienische Sicht Goethe verzerrt - orgiastisch ist's allemal: ein Paradestück für das geschickt im Raum verteilte, wunderbar schmetternde Blech und all die Schlagzeugzutaten.
Und der neue Chefdirigent? Er weiß um die "haptische" Wirkung von Boitos Musik, scheut sich nicht vor Effekten, ohne nach diesen zu haschen. Ein überaus verheissungsvoller Auftakt für eine Mannschaft und ihren neuen Trainer. Nachhaltigkeit erwünscht!
(Badische Zeitung, 18.10.2006)
Ringborg - konserviert:
Es waren zwei große Abende für Freiburgs Philharmoniker: das erste Abo-Konzert der Saison unter Chefdirigent Patrik Ringborg im Oktober. Das lässt sich jetzt nachhören oder nachprüfen, denn ab sofort liegt ein Mitschnitt des Programms mit dem Prolog aus Arrigo Boitos Oper "Mefistofele" und Tschaikowskys Vierter Sinfonie vor. "Wir sehen es als reine Dokumentation, nicht als Neueinspielung", baut der Chefdirigent möglicher Kritik an der CD vor. Was nicht nötig wäre. Denn die nicht mit der Konzerthaustechnik, sondern von Gerhard Clausnitzers Projektstudio "Die Tonmacher" produzierte Aufnahme konserviert deutlich genug die Stärken des Abends. Besonders Tschaikowskys Opus profitiert von der Emotionalität und Verausgabung des Spiels. ?????? Dem zweiten Satz in Ringborgs Sichtweise, umgesetzt von an glühendem Timbre nicht zu überbietenden Streichern und ergreifend klagenden Holzbläsern gebührt jedenfalls ein Sonderplatz im Plattenregal des Rezensenten.
(Badische Zeitung, 02.12.2006)
5. Sinfoniekonzert, Essener Philharmoniker, Saalbau Essen 2./3.12.1999
GMD Stefan Soltesz musste allerdings wegen Indisposition seinen ersten Kapellmeister Patrik Ringborg zur Bescherung ans Dirigentenpult schicken.
Aber auch dem jungen Schweden, der in der vergangenen Spielzeit mit Donizettis Viva la Mamma seinen Einstand in Essen gegeben hatte, gelang das, was bei derart allbekannten Stücken wie der Kleinen Nachtmusik oder der Jupitersinfonie oft undankbar schwierig ist, nämlich die Interpretation in den Rang des Besonderen zu erhöhen. Liebevoll formend, in Tempo wie in Dynamik nuancierend, gab Ringborg der beliebten Serenade ihren ganzen Charme und gewann den Philharmonikern gespanntes subtiles, aber keineswegs manieriertes Spiel ab. Unter den Zuhörern konnte man da die berühmte Stecknadel fallen hören. ...
Überraschend leicht und federnd schließlich nahm Ringborg die C-Dur-Sinfonie, zeigte aber auch die seelischen Abgründe des Andante. Mitreissend der Musiziergeist der Philharmoniker: ihre delikate, geschliffene Artikulation, die tänzerische Harmonie und der präzis bis in die Fugato-Verdichtungen hingefegte Schlusssatz. Der Göttervater dürfte zufrieden gewesen sein.
(NRZ, 04.12.1999)
Für den erkrankten Stefan Soltesz sprang am Pult Patrik Ringborg, erster Kapellmeister des Aalto-Theaters, ein. Unter seiner Leitung klang Mozart schlank und elegant. Die Tempi in der Nachtmusik waren im Menuett ebenso wie im anschließenden Rondo zügig.
Das Klarinettenkonzert A-Dur KV 622, Mozarts abgeklärtes Meisterwerk, ist heute noch immer Prüfstein für jeden Solisten. Das Orchester nahm man hier - glücklicherweise - überhaupt nicht wahr. Vor diesem dezenten klanglichen Hintergrund der wie immer formidabel spielenden Philharmoniker vollführte die Solistin Sharon Kam fast schon ein Musiktheater mit geringsten Mitteln.
In der abschließenden Jupiter-Sinfonie C-Dur KV 551 erwies sich Ringborg als charaktervoller Interpret mit einer ganz eigenen Art zu phrasieren. Die großen und kleinen Klangwölkchen, die anmutig zum Ohr des Zuhörers schwebten, waren zwar gewöhnungsbedürftig. Dennoch: Das Ergebnis war originell, das Andante cantabile ausgewogen und das Menuetto hatte den Schwung eines Wiener Walzers.
(WAZ, 04.12.1999)
Galakonzert, Deutsches Filmorchester Babelsberg, Kurt-Weill-Fest, 05.03.1999
Mit dem Deutschen Filmorchester Babelsberg sorgte ein renommiertes Showensemble für die stimmigen Rhythmen und für den Weill-Musical-Sound. Die musikalische Leitung hatte der schwedische Dirigent Patrik RIngborg inne, der das Dirigat mit viel Vehemenz und Agilität realisierte.
(Mitteldeutsche Zeitung Dessau, 09.03.1999)
Immerhin vermochte Patrik Ringborg dem Filmorchester Babelsberg energisch einzuheizen. Das wartete zuweilen mit Big-Band-Qualitäten auf, entwickelte das entsprechende Feeling für diese Art von Musik. Und hier waren sie endlich: Die Weill-Interpreten mit dem ensprechenden Stimm-Potential.
(Mitteldeutsche Rundfunk, 10.03.1999)
Nachdem Patrik Ringborg den Taktstock zum Vorspiel "One Touch of Venus" erhoben hatte, spielten die Musiker los, als hätten sie noch nie was anderes gespielt. Damit war eines klar: Hier musizierte ein Orchester, das sowohl den frühen Weill von "Der Zar lässt sich photographieren" wie eben auch den späten mit seinen Musical-Melodien im Griff hat.
(Mitteldeutsche Zeitung Dessau, 09.03.1999)
7. Sinfoniekonzert, Freiburger Philharmoniker, Konzerthaus Freiburg, 7./8.06.1999
Unter Patrik Ringborgs hochengagierter Leitung spielte das Orchester die "Pastorale" liebevoll und - sieht man einmal von einer leicht verplätscherten "Szene am Bach" ab - ausserdem sehr präzise. Beethoven, der in seinem Stück "merh Ausdruck der Empfindung als Malerei" sah, widersprechen wir. Und bewundern den Rahmen, in dem das doch ziemlich alte Klanggemälde einer ziemlich gestrigen ländlichen Idylle hier (effektvoll!) zur Geltung kam. Mit viel Beifall verabschiedete das Publikum im Konzerthaus den Ersten Kapellmeister Patrik Ringborg, der in gleicher Position nach Essen wechselt. Seinem befeuernden, erhellenden Dirigat verdankt Freiburg etliche Konzert-Ereignisse.
(Badische Zeitung, 22.04.98)
6. Sinfoniekonzert, Freiburger Philharmoniker, Konzerthaus Freiburg, 20./21.04.1998
... eine hochimpulsive Sturm-und-Drang-Version, dramatisch eruptiv, eine, die Schumanns generösen Schwung mit jugendlichem Elan hervorhebt, und dazu eine, die in keinem Moment den Überblick über die Generalstruktur verliert, den Großsatz in einen gewaltigen Bogen zwingt, fast schon: stemmt. Schumanns Themen sind im sechsten Sinfoniekonzert "durchblutet". Ringborg kostet sie aus. Er horcht sie ab.
(Badische Zeitung, 22.04.98)
Konzert des Glareanus-Ensembles, Konzerthaus Freiburg, 02.02.1997
Mit Pomade im Haar und gekleidet im (amerikanischen Gangster-)Stil der zwanziger Jahre, präsentierten sich jetzt Mitglieder des Glareanus-Ensembles im fünften Kammerkonzert des Freiburger Philharmonischen Orchesters mit der "Kleinen Dreigroschenmusik"... Patrik Ringborg hielt im Runden Saal des Konzerthauses die engagierten Bläser und ihre Begleiter zu plastischen Aktionen im komplexen Netzwerk des thematischen Gebens und Nehmens an.
(Badische Zeitung, 04.02.97)
3. Kammerkonzert, Das Glareanus-Ensemble, Freiburger Theater, 21.01.1996
Das "Glareanus-Ensemble", das vor allem aus Mitgliedern der Freiburger Philharmoniker besteht, mit Bach: Da wird's spannend, gehört doch Barockes nicht eben zum philharmonischen Standardrepertoire.
Nichtdestotrotz wurd man jetzt Zeuge einer ambitionierten, akzentuierten und schlanken Bach-Wiedergabe: Das Brandenburgische Konzert Nr. 3 erklang (zum Glück!) ohne sinfonischen Weichzeichner. Lustvoll und präzis das Miteinander der einzelnen Streichergruppen. ... Den vom Komponisten auf ganze zwei Akkordschläge verknappten langsamen Mittel-"Satz" baute Patrik RIngborg am Cembalo zu einer hübschen Arioso-Kadenz nach dem Muster Melodie plus Begleitung aus.
(Zu Strawinskys "Pulcinella"-Ballett:) Mit dem feinfühlig dirigierenden Ringborg am Pult gelang den "Glareanus"-Leuten eine frische, überzeugende Interpretation. Ein facettenreiches Musizieren, das bei aller Sorgfalt spielerisch (und nie "inszeniert") wirkte.
(Badische Zeitung, 23.01.1996)
Neujahrskonzert, Freiburger Philharmoniker, Freiburger Theater, 01.01.1996
Leichtes, Leckeres
Jede Menge Appetithäppchen servierte das Freiburger Philharmonische Orchester unter der Leitung von Patrik Ringborg seinem Publikum im Stadttheater zum Jahresanfang. Kleine Leckereien, nur nichts Schweres für die neujährlichen Ohren. Paris und Wien, die beiden musikalischen Hauptstädte des 19. Jahrhunderts (und ganz besonders der Unterhaltungs- und Operettenlandschaft), wurden verkostet. Was hieß (halbe-halbe): Camille Saint-Saëns und Johann Strauss-Sohn.
Die französischen Bonbons waren (orchester-)farbenprächtig. Ein Marsch aus der Suite Algérienne, die Havanaise für Violine (Tobias Ringborg) und Orchester, das Baccanale und die Arie der Dalila aus der Oper "Samson und Dalila", die sinfonische Dichtung "Danse macabre". Das Raffinement im Umgang mit exotischem Flair und instrumentalem Effekt ist Saint-Saens' herausragende Gabe. Da pulsiert der Habanera-Rhythmus in der Pauke als Gegenpol zur schwelgenden Solovioline, da meint man, das Orientalische des "Bacchanale" förmlich zu riechen, die durch die Nacht geisternden Gerippe des "Danse macabre" tanzen zu sehen.
Das Orchester zeigte sich von seiner Schokoladenseite. Klangschön die Soli Tobias Ringborgs, voll intensiv-dramatischer Spannung die für die erkrankte Rosemary Nencheck eingesprungene Mezzosopranistin Ulla Sippola.
Nach den Bonbons Schmankerln aus Wien. Walzer, Polkas, die Zwischenaktmusik aus Strauss' erster Operette "Indigo und die vierzig Räuber", der Csárdás der Rosalinde aus der "Fledermaus" (Annette Robbert). Undenkbar, daß ein Neujahrkonzert eine(n) nicht walzerschwipsig und operettenselig in das (noch) neue Jahr entließe. Dabei ist die so obenhin scheinende Musik (vor dem Hintergrund des Vergnügenwollens) gekonnt und einfallsreich komponiert.
Und sie lässt Raum - für die schillernde Brillanz von Annette Robberts Rosamunde-Arie, für spaßvolles Musizieren, aber auch für Gags: wie ein vergnügt mitsingendes Freiburger Orchester.
(Badische Zeitung, 23.01.1996)
Patrik Ringborg war der richtige Mann, an der richtigen Stelle. Als Dirigent des Philharmonischen Orchesters nahm er die leichte Muse nicht auf die leichte Schulter. ... Die Kombination einer schwerelosen, eben leichten Interpretation mit einer exakten, die technischen und musikalischen Details präzise treffenden Wiedergabe war verblüffend. Und ebensoviel Freude machte es zu verfolgen, mit welcher Hingabe das Freiburger Orchester dem erst 30jährigen Dirigenten folgte.
Das Feuer der Begeisterung loderte. Da wurde etwa der Marsch aus der "Suite Algérienne" von Camille Saint-Saëns in einem weit gespannten Steigerungsbogen vorgetragen, dessen Spannungsgefüge den Zuhörer elektrisierte. Schön, wie die Musik einerseits straff rhythmisiert wurde und auf der anderen Seite duftig, locker daherkam.
(Oberbadisches Volksblatt, 03.01.1996)
Konzert des Glareanus-Ensembles, SWF Freiburg, 21.03.1995
Intensität und Präzision stellten sich schnell ein, als Patrik Ringborg bei Wagner und Schönberg vom Dirigentpult aus die musikalischen Strukturen mit nachschöpferischer Verbindlichkeit auflud. Wagners klingender Geburtstagsgruß erhielt Feinfühligkeit und sinnliche Plastizität, Schönbergs Expressivität wirkte bis zum furiosen Schluss hin transparent und intensiv, hatte, wo erforderlich, orchestrales Klangvolumen.
(Badische Zeitung, ?)
Sinfoniekonzert in der Hochschule für Musik, Freiburg, 14.01.1995
... Zum Beispiel die vierte Sinfonie des Schweden Hilding Rosenberg, die Patrik Ringborg, Kapellmeister und Studienleiter am Freiburger Theater, jetzt mit Chor, Vokalensemble und Orchester der Musikhochschule ungemein kantig, präzise und effektvoll akustisch in Szene setzte. Und in der Musikhochschule sorgte Ringborg ausserdem dafür, dass Rosenbergs Opus plastisch und sehr genau ausformuliert wurde und zu suggestiver Wirkung gelangte.
(Badische Zeitung, 17.01.1995)
So schrieb die Presse zu einigen Jugend- und Familienkonzerte
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